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Problemlösungen sind immer Lösungsversuche

Wir wissen eine ganze Menge, aber unsere Unwissenheit ist auch grenzenlos und ernüchternd. 

Wenn man etwas weiß, dann hat man auch Kenntnis davon, was man nicht weiß. Sokrates: „ich weiß, dass ich nichts weiß, und kaum das“. Mit seiner Aussage behauptet Sokrates nicht, dass er nichts wisse, vielmehr hinterfragt er das, was man zu wissen meint. Ein sicheres Wissen findet man bei den Menschen grundsätzlich nicht, deshalb kann man von seinen Ansichten nur vorläufig überzeugt sein.

Die Welt lässt sich zwar erfahren, aber wie alles zusammenhängt kann man wohl nie vollständig erfassen und verstehen. Dennoch müssen wir uns auf die Welt einlassen und versuchen,  Probleme und Problemsituationen so rational und angemessen wie möglich zu managen

Erkenntnis beginnt nicht mit Wahrnehmungen oder Beobachtungen oder der Sammlung von Daten oder von Tatsachen, sondern sie beginnt mit Problemen (Ausgangspunkt).  Denn jedes Problem entsteht durch die Entdeckung, dass etwas in unserem vermeintlichen Wissen nicht in Ordnung ist.

Die Methode der  Wissenschaften besteht darin, Lösungsversuche für ihre Probleme auszuprobieren. Lösungen werden vorgeschlagen und kritisiert. Wenn ein Lösungsversuch der sachlichen Kritik nicht zugänglich ist so wird er eben deshalb als unwissenschaftlich ausgeschaltet, wenn auch vielleicht nur vorläufig.

Wenn ein Lösungsversuch einer sachlichen Kritik zugänglich ist, dann versuchen wir, ihn zu widerlegen; denn alle Kritik besteht in Widerlegungsversuchen.

Wenn ein Lösungsversuch durch unsere Kritik widerlegt wird, so versuchen wir es mit einem anderen Lösungsversuch.

Wenn der Lösungsversuch der Kritik standhält, dann akzeptieren wir ihn vorläufig; und zwar akzeptieren wir ihn vor allem als würdig, weiter diskutiert und kritisiert zu werden.

Die Methode der Wissenschaft ist also die des Lösungsversuches (oder Einfalls), der von der schärfsten Kritik kontrolliert wird. Es ist eine kritische Fortbildung der Methode des Versuchs und Irrtums („trial and error“). Kritische Methode.

Die Spannung zwischen Wissen und Nichtwissen führt zum Problem und zu den Lösungsversuchen. Aber sie wird niemals überwunden. Denn es stellt sich heraus, dass unser Wissen immer nur in vorläufigen und versuchsweisen Lösungsvorschlägen besteht und daher prinzipiell die Möglichkeit einschließt, dass es sich als irrtümlich und also als Nichtwissen herausstellen wird.

In den Wissenschaften arbeiten wir mit Theorien. Das hat zwei Gründe. Erstens, eine Theorie ist ein Erklärungsversuch und daher ein Versuch, ein wissenschaftliches Problem zu lösen; zweitens, eine Theorie ist durch seine Folgerungen rational kritisierbar. Es ist also ein Lösungsversuch, der der rationalen Kritik unterliegt.

Was wir kritisieren, das ist der Wahrheitsanspruch. Was wir als Kritiker einer Theorie zu zeigen versuchen, das ist, natürlich, dass ihr Wahrheitsanspruch nicht zu Recht besteht – dass sie falsch ist. Wir nennen eine Aussage „wahr“, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt oder den Tatsachen entspricht oder wenn die Dinge so sind, wie die Aussage sie darstellt. Der Lösungsversuch – das heißt: die Erklärung – besteht immer in einer Theorie, die es uns erlaubt, ein Ereignis bzw. eine Beobachtung dadurch zu erklären, dass wir es mit anderen Tatsachen (den sogenannten Anfangsbedingungen) logisch verknüpfen.

Das logische Grundschema jeder Erklärung besteht also in einem logischen Schluss, dessen Prämissen aus der Theorie und den Anfangsbedingungen besteht und dessen Schlußfolgerung das Ereignis ist.

Wir nennen eine Aussage wahr, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt. Die Wahrheit und die Erklärungskraft einer Theorie sind relativ zu sehen, denn die Aussagen sind immer nur als eine vorläufige versuchsweise Annäherung an die Wahrheit zu sehen.

Eine objektiv-verstehende Sozialwissenschaft besteht darin, dass sie die Situation des handelnden Menschen hinreichend analysiert, um die Handlung aus der Situation heraus ohne weitere psychologische Hilfe zu erklären. Das objektive „Verstehen“ besteht darin, dass wir sehen, dass die Handlung objektiv situationsgerecht war.

In diesem Sinn ist der logische Begriff der Annäherung an die Wahrheit unentbehrlich für die situations-analytischen Sozialwissenschaften. Vor allem aber sind die Situationsanalysen rational und empirisch kritisierbar und verbesserungsfähig.

aus: popper_logik-sozialwiss.pdf

youtube.com/K.Popper
„Krisensituationen zwingen einen verantwortlichen Politiker zur Philosophie“ Helmut Schmidt

 

Sokratische Haltung: Forderung nach intellektueller Bescheidenheit bzw. heute – „Vorsicht“ gegenüber einer scheinbar überlegenen Aufgeklärtheit / oder auch gegenüber moralischem Größenwahn.

„Da stehe ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor… Und sehe, daß wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen!“ aus Goethes Faust.

Dennoch darf es nicht „zur Herrschaft der großen Worte, und zur Feindschaft gegen die Vernunft und gegen die (Natur)Wissenschaft“ kommen. „Wissenschaft ist Warheitssuche. … auch wenn wir uns meistens mit Vermutungswissen begnügen müssen.“ K. Popper – aus – Auf der Suche nach einer besseren Welt, Seite 51/  54.