Ohne die anderen bin ich (und wenn das EGO noch so groß ist) nichts
Mensch – Gesellschaft – Welt
Ohne die anderen bin ich nichts. Vom Zusammenhang individueller Identität und gemeinschaftlicher Ordnung. Warum Big EGOs gefährlich sind und warum starke Persönlichkeiten eine hohe gesellschaftliche Verantwortung tragen. Wirklich starke Persönlichkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie mehr repräsentieren als nur sich selbst.
1. Wenn das Ich keine Grenzen kennt
„Ohne die anderen bin ich nichts.“
Dieser Satz gilt für jeden Menschen – auch für jene, die sich für besonders groß halten.
Die Frage nach dem Platz des Menschen in der Welt bewegt sich zwischen zwei Polen: dem einzelnen Menschen und der Gemeinschaft. Moderne Gesellschaften betonen Selbstverwirklichung und Freiheit. Gleichzeitig beobachten wir weltweit autoritäre Entwicklungen, Machtmissbrauch, die Verrohung politischer Sprache und militärische Konflikte.
Auffällig ist: Oft sind es wenige „Big Egos“, die immer mehr Macht an sich ziehen. Sie werden gewählt, bewundert oder gewähren gelassen. Man hält sie für stark, entschlossen, durchsetzungsfähig. „Die werden das schon machen“, heißt es.
Doch wenn Macht nicht mehr begrenzt wird, wenn Kritik unterdrückt und Opposition gewaltsam niedergeworfen wird, beginnt der Zerfall. Historisch enden solche Regime häufig in Krieg, Zerstörung und Leid.
Das Problem liegt tiefer als in politischen Strukturen allein. Es liegt im Menschen selbst.
Immanuel Kant spricht vom „Hang zum Bösen“. Er meint damit nicht eine dämonische Natur, sondern die Neigung, eigene Interessen über moralische Regeln zu stellen. Der Mensch ist frei – und gerade deshalb gefährdet. Er kann sich selbst absolut setzen.
Frieden ist deshalb kein natürlicher Zustand. Er ist eine Aufgabe. Die zentrale These lautet: Individuelle Freiheit und gesellschaftliche Ordnung gehören untrennbar zusammen. Beide müssen so gestaltet werden, dass Selbstüberhöhung begrenzt wird.
2. Identität – Der Mensch wird am Du zum Ich
Der Mensch entsteht nicht aus sich selbst. Gemeinschaft ist Grundbedingung menschlicher Existenz.
George Herbert Mead zeigt: Identität bildet sich im Spiegel der anderen. Wir werden am „Du“ zum „Ich“.
Der Mensch wird mit bestimmten Naturgaben geboren. Doch seine Persönlichkeit entsteht nicht isoliert, sondern im Austausch mit anderen. Wir lernen in und durch Gemeinschaft. Unsere Identität bildet sich im Dialog, im Mit- und Gegeneinander.
Mead beschreibt Identität als Zusammenspiel von „Ich“, „die anderen“ und „wir“. Das Selbst entsteht, indem wir uns selbst aus der Perspektive der anderen wahrnehmen. Das „Ich“ entwickelt sich also immer in Beziehung (relational).
Auch Sigmund Freud beschreibt das Ich als vermittelnde Instanz zwischen inneren Impulsen und äußeren Normen. Freud betrachtet das Ich nicht als isolierte Einheit. In seinem Strukturmodell steht das „Ich“ zwischen „Es“ (Triebe, Bedürfnisse) und „Über-Ich“ (Gewissen, gesellschaftliche Normen). Das Ich vermittelt zwischen inneren Impulsen und äußeren Erwartungen – es schafft Balance.
Individuelle Identität bedeutet daher:
- sich selbst kennen,
- eigene Fähigkeiten und Grenzen anerkennen,
- Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen.
Niemand ist vollkommen autonom.
Ohne soziale Anerkennung, ohne Beziehung, ohne Gegenüber gäbe es kein Selbst.
Das gilt auch für sogenannte starke Persönlichkeiten. Selbst das größte „Big Ego“ lebt von Zustimmung, Gefolgschaft und Anerkennung. Ohne Publikum zerfällt seine Macht.
Hier berührt sich Anthropologie mit Politik: Weil Menschen nicht rein moralisch handeln, braucht es Regeln, Institutionen und Verantwortungskultur.
Und hier kommt Kant ins Spiel: Neben dem „Hang zum Bösen“ beschreibt er auch die menschliche Bequemlichkeit. Menschen neigen dazu, Verantwortung abzugeben. Es ist einfacher, sich führen zu lassen, als selbst zu denken. Autoritäre Systeme entstehen nicht nur durch dominante Führer, sondern auch durch passive Gefolgschaft.
Man lässt sich gerne führen. Man glaubt an die Stärke der anderen. Und übersieht dabei die eigene Verantwortung.
3. Der Mensch als Teil des „Wir“
Der Mensch lebt nicht nur für sich. Gemeinschaft ist Grundbedingung menschlicher Existenz. In der Bibel, im 1. Korintherbrief (Kapitel 12–14), wird betont, dass jeder Mensch unterschiedliche Gaben besitzt. Diese individuellen Gaben dienen jedoch dem Gemeinwohl. Jeder ist Teil eines Ganzen – wie Glieder eines Körpers.
Das bedeutet:
- Individualität ist kein Gegensatz zur Gemeinschaft.
- Unterschiedlichkeit ist kein Problem, sondern eine Stärke.
- Das „Wir“ lebt von der Vielfalt seiner Mitglieder.
Jedes Glied ist wichtig. Jedes hat eine eigene Aufgabe. Aber keines ist das Ganze.
„Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht.“
Diese Aussage ist radikal: Selbstüberhöhung zerstört Gemeinschaft.
Wer sich selbst absolut setzt, verliert den Bezug zum Ganzen. Und paradoxerweise verliert er damit auch sich selbst.
Denn ohne die anderen bin ich nichts. Auch das größte „Big Ego“ bleibt abhängig von Strukturen, Menschen, Loyalität und Zustimmung. Wenn diese zerfallen, zerfällt auch seine Macht.
4. Warum Macht begrenzt werden muss
Niklas Luhmann beschreibt Gesellschaft als ein Gefüge verschiedener Bereiche: Politik, Recht, Wirtschaft, Religion und andere.
Diese Bereiche müssen voneinander unterschieden bleiben (Differenz).
Warum? Weil Macht sonst entgrenzt wird.
Wenn politische Macht das Recht kontrolliert, Medien instrumentalisiert oder Institutionen schwächt, gerät das Gleichgewicht ins Wanken. Autoritäre Systeme entstehen.
Kant formuliert es in Zum ewigen Frieden so:
Aus dem „krummen Holz“ des Menschen kann nichts vollkommen Gerades gezimmert werden.
Weil der Mensch nicht vollkommen ist, braucht er Begrenzung.
Frieden entsteht nicht durch starke Männer oder Frauen, sondern durch starke Institutionen.
5. Starkes Selbst oder „Big Ego“?
Hier liegt eine entscheidende Unterscheidung.
Eine starke Persönlichkeit: kennt ihre Fähigkeiten, akzeptiert ihre Grenzen, ist kritikfähig, dient dem Ganzen.
Ein „Big Ego“: braucht Bewunderung, duldet keinen Widerspruch, setzt Dominanz mit Stärke gleich, will selbst das Ganze sein.
Gesellschaftlich wird diese Verwechslung gefährlich. Dominanz wird als Führungsstärke interpretiert. Lautstärke gilt als Entschlossenheit. Härte wird mit Klarheit verwechselt.
Doch wahre Stärke zeigt sich in Selbstbegrenzung.
Systemisch gesprochen zerstört ein übermächtiger Akteur Differenz.
Theologisch gesprochen wird der Leib krank, wenn ein Glied sich selbst absolut setzt. Kantisch gesprochen wird Frieden unmöglich, wenn Selbstliebe über Moral gestellt wird.
6. Reziprozität – Die Goldene Regel des Friedens
Am Ende wird immer wieder deutlich: Menschen können nur friedlich koexistieren, wenn sie in Gegenseitigkeit leben.
Die Goldene Regel lautet: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“
Kants kategorischer Imperativ sagt dasselbe in philosophischer Form:
„Handle so, dass dein Handeln allgemeines Gesetz werden könnte.“
Reziprozität bedeutet:
Ich erkenne den anderen als gleichwertig an.
Ich sehe mich nicht als Maß aller Dinge.
Ich weiß: Mein Handeln wirkt zurück.
Ohne diese Haltung entstehen Machtkämpfe. Mit ihr entsteht Vertrauen.
7. Ohne die anderen bin auch „ICH“ nichts
Am Ende bleibt eine einfache, aber tiefgehende Einsicht:
Der Mensch ist frei – und deshalb gefährdet. Er neigt zur Selbstüberhöhung. Er neigt zur Bequemlichkeit. Er neigt dazu, Verantwortung abzugeben.
Doch gleichzeitig ist er auf Gemeinschaft angewiesen.
Ohne die anderen gibt es kein Ich. Ohne Institutionen gibt es keine Freiheit. Ohne moralische Begrenzung gibt es keinen Frieden.
Auch „Big Egos“ sind abhängig von den anderen. Wenn Gemeinschaft, Recht und Gegenseitigkeit zerbrechen, zerbricht auch ihre Macht – oft im Chaos von Krieg und Zerstörung.
Der Platz des Menschen in der Welt liegt daher nicht in grenzenloser Selbstbehauptung, sondern in verantwortlicher Mitwirkung.
Es kommt auf jeden Menschen an. Und gerade deshalb darf kein Mensch sich selbst zum Ganzen erklären. Denn ohne die anderen bin ich – und auch jedes noch so große Ego – nichts.
Wer Verantwortung übernimmt – in Familie, Beruf oder Gesellschaft – repräsentiert mehr als sich selbst. Dafür braucht es:
- ein starkes Ego (im Sinne eines stabilen Selbst),
- Selbstvertrauen,
- Empathie,
- Durchsetzungsvermögen,
- Realitätssinn,
- Mut,
- Gerechtigkeitssinn,
- innere Stärke,
- Demut.
Wichtig ist der Unterschied zwischen einem starken Ego und einem „big ego“.
Ein starkes Ego bedeutet innere Stabilität und Selbstbewusstsein.
Ein „big ego“ hingegen zeigt sich in übersteigerter Selbstwichtigkeit, Geltungsdrang, Kritikunfähigkeit und mangelnder Empathie.
Die Gesellschaft braucht keine selbstbezogenen Selbstdarsteller und Beherrscher, sondern Menschen, die ihre Stärke in den Dienst des Gemeinwohls stellen und eben auch big egos rechtzeitig in ihre Schranken weisen.
Der Platz des Menschen in der Welt ist daher weder:
- absolute Autonomie,
- noch Auflösung im Kollektiv,
sondern kommunikative Mitwirkung an der Stabilisierung komplexer Systeme.
Gesellschaft funktioniert nur, wenn Menschen miteinander kommunizieren. Unterschiedliche Rollen und Aufgaben machen ein System stabil.
- Vielfalt ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.
- Unterschiedliche Begabungen ergänzen sich.
- Gemeinschaft entsteht durch Zusammenarbeit.
Wichtig ist dabei das richtige Maß an Selbstbewusstsein.
Ein Mensch braucht ein starkes Selbst. Er soll wissen, was er kann, Verantwortung übernehmen und für andere einstehen.
Aber es geht nicht um ein „großes Ego“ – also nicht um Selbstüberschätzung, Rechthaberei oder das Bedürfnis, wichtiger zu sein als andere. Das schadet der Gemeinschaft.
Ein gutes Zusammenleben entsteht, wenn
- jeder seine Fähigkeiten einbringt,
- keiner sich über andere stellt,
- und alle wissen: Wir brauchen einander.
Oder einfach gesagt: Der Mensch findet seinen Platz in der Welt nicht allein, sondern im Miteinander. Und genau darin liegt seine Stärke.
In modernen Gesellschaften wird Selbstverwirklichung häufig mit Selbstzentrierung verwechselt. Ein stabiles Ich ist notwendig, um Verantwortung zu übernehmen. Doch ein übersteigertes Selbst – ein „big ego“ – gefährdet Kooperation.
Nach Paulus:
„Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht.“ Gemeinschaft lebt von wechselseitiger Anerkennung.
Es lässt sich festhalten:
- Der Mensch ist ein relationales Wesen.
- Individualität entfaltet sich in kommunikativen Zusammenhängen.
- Differenz, im Sinne von Unterschiedlichkeit ist Voraussetzung gesellschaftlicher Stabilität.
- Verantwortung erfordert ein starkes, aber nicht übersteigertes Selbst.
- Einheit entsteht durch Integration, nicht durch Gleichmacherei.
Der Platz des Menschen in der Welt liegt somit weder in radikaler Autonomie noch in kollektivistischer Auflösung, sondern in verantwortlicher Mitwirkung an komplexen sozialen Zusammenhängen.
Es kommt auf jeden Menschen an – doch nie nur auf ihn allein.
Die Zukunft friedlicher und gerechter Gesellschaften hängt davon ab, ob es gelingt, „starke Persönlichkeiten“ hervorzubringen, die nicht selbstzentriert, sondern gemeinwohlorientiert handeln und damit auch „big egos“ bekämpfen bzw. verhindern können.
Denn, wo Führung nicht mehr Dienst, sondern Selbstinszenierung ist,
wo Kritik als Angriff erlebt wird, wo Kompromiss als Schwäche gilt,
dort wächst die Logik der Konfrontation. Auf gesellschaftlicher Ebene führt das zur Spaltung, auf internationaler Ebene zur Eskalation –
bis hin zum Krieg.
Autoritäre Systeme entstehen nicht nur alleine durch dominante Führer (big ego), sondern auch durch passive Gefolgschaft (mangels starker Persönlichkeiten)!
Literaturverzeichnis
Freud, Sigmund (1923): Das Ich und das Es. Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.
Kant, Immanuel (1795): Zum ewigen Frieden.
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Mead, George Herbert (1934): Mind, Self, and Society. Chicago: University of Chicago Press.
Paulus: Der Erste Brief an die Korinther, Kapitel 12–14. In: Die Bibel (Einheitsübersetzung oder Lutherbibel).

Fünf Unterscheidungen zwischen starker Persönlichkeit und „Big Ego“
1. Stärke braucht kein Publikum – das „Big Ego“ schon.
Eine starke Persönlichkeit handelt aus innerer Überzeugung.
Ein „Big Ego“ lebt von äußerer Bewunderung.
2. Stärke kann zuhören – das „Big Ego“ muss dominieren.
Wer innerlich gefestigt ist, hält Widerspruch aus.
Wer sich seiner selbst nicht sicher ist, unterdrückt ihn.
3. Stärke integriert Unterschiedlichkeit – das „Big Ego“ bekämpft sie.
Stärke erkennt: Vielfalt ergänzt.
Das „Big Ego“ empfindet Vielfalt als Bedrohung.
4. Stärke dient dem Ganzen – das „Big Ego“ will das Ganze sein.
Eine starke Persönlichkeit weiß: Ich bin Teil eines größeren Zusammenhangs.
Ein „Big Ego“ identifiziert sich mit dem Ganzen und duldet keine Begrenzung.
5. Stärke kann sich selbst begrenzen – das „Big Ego“ kennt keine Grenze.
Wahre Größe zeigt sich in Selbstkontrolle.
Selbstüberhöhung zeigt sich im Machtanspruch.
- Eine starke Persönlichkeit trägt Verantwortung.
- Ein „Big Ego“ beansprucht Herrschaft.
- Stärke schafft Vertrauen.
- Selbstüberhöhung erzeugt Angst.
- Frieden braucht Stärke – aber keine Selbstabsolutierung.
Wir Menschen sind bezogen auf unsere Gaben, die wir der Gemeinschaft zuführen alle individuell ungleich. Wir sind aber auch gleich, weil wir – bezogen auf das Weltwissen – alle gleich im Nichtwissen sind. Wir alle nämlich, ob Arbeiter oder Gelehrte wissen „fast“ nichts. Was wir alle wissen, ist, dass wir wenig wissen. Und wenn wir etwas sicher wissen, dann handelt es sich zumeist um Vermutungswissen. Deswegen gibt es kaum Grund zum Hochmut. Denn ein BIG EGO bringt in aller Regel und nach aller historischen Erfahrung einen selbst oder im schlimmsten Falle auch andere – zu Fall.




