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„Ost- und Westdeutsche“ ticken „doch“ ähnlich

Ostdeutsche und Westdeutsche ticken „im Hinblick auf den Ukraine Krieg Russlands (sowie überhaupt)“ ähnlicher als gemeinhin gedacht.

Der Impuls für den Beitrag ist die nachfolgende gelungene Dokumentation: russland-putin-und-wir-ostdeutsche/das-erste/

Viele jüngeren Ostdeutsche sehen Putin eindeutig als Aggressor.

Ein Teil der älteren Ostdeutschen verurteilt zwar auch den Krieg, sie suchen und finden allerdings auffallend häufig Erklärungen, die mindestens eine Mitschuld, wenn nicht gar die volle Verantwortung dafür beim Westen, sprich bei den „Amis“ sehen.

Ist das tatsächlich die Haltung des Großteils der Ostdeutschen  und woher kommt das?

Gemessen an der gesellschaftlichen Stimmung, könnte man den Eindruck haben, dass die Menschen in Ostdeutschland „deutlich“ anders über Putins Krieg denken als die Westdeutschen.

Nach der Auswertung einer Befragung von Infratest dimap (siehe unten bzw. o. g. Doku), kommt man tatsächlich zu einem anderen Ergebnis.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist grafik-4.png

  • 75 % der Ostdeutschen fühlen sich nicht zu Russland hingezogen
  • 93 % der Westdeutschen fühlen sich nicht zu Russland hingezogen
  • 67 % der Ostdeutschen behaupten nicht, dass zu negativ über Russland berichtet wird
  • 77 % der Westdeutschen behaupten nicht, dass zu negativ über Russland berichtet wird
  • 80 % der Ostdeutschen fühlen sich von Russland bedroht
  • 89 % der Westdeutschen fühlen sich von Russland bedroht
  • 65 % der Ostdeutschen gehen die Sanktionsmaßnahmen gegen Russland nicht zu weit
  • 79 % der Westdeutschen gehen die Sanktionsmaßnahmen gegen Russland nicht zu weit

Es gibt zwar unterschiedliche Betrachtungsweisen zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen aber die Unterschiede sind in Wirklichkeit längst nicht so gravierend, wie zunächst angenommen.

Im Gegenteil, die Meinungen und Einstellungen zum kriegerischen Handeln Russlands / Putins in der Ukraine liegen tendenziell auf einer ähnlichen Linie dicht beieinander.

Wie erklären sich ggf. die Unterschiede. Woher kommt das?

Die Stichworte hierfür sind:
(Prägung) Sozialisation und Identitätsbildung.

Ostdeutschen wird eine spezifische Identität bescheinigt, die durch die SED-Diktatur und die Transformationszeit seit 1990 geformt worden sei.

Die Friedliche Revolution und die folgende Systemtransformation wurden von den Ostdeutschen als tiefer biografischer Einschnitt erlebt.

Weite Teile ihrer Lebenswelt veränderten sich, einstige Sicherheiten waren auf einmal nicht mehr sicher. Dieser revolutionäre Wandlungsprozess wurde ganz unterschiedlich erlebt und gedeutet.

So besteht einerseits ein „Revolutionsgedächtnis“, das die demokratischen Errungenschaften hochhält, und andererseits ein „Verlustgedächtnis“, das den Umbruch als Zeit der Verunsicherung und enttäuschten Erwartungen abgespeichert hat und bis heute eine skeptische Haltung zur neuen politischen Ordnung einnimmt.

Viele haben den Eindruck, dass sie als Ostdeutsche im Vergleich mit anderen weniger als den gerechten Anteil erhalten und zugleich von Westdeutschen als „Menschen zweiter Klasse“ behandelt werden.

Nicht allein individuelle und kollektive Erfahrungen während der Transformationszeit selbst, sondern ebenso die individuellen biografischen Erfahrungen aus der DDR sind prägend für die heutige politische aber auch lebenspraktische Haltung.

So verstand die DDR sich selbst als antifaschistische Fortschrittsalternative – mit einem starken Bezug zur ehemaligen Sowjetunion – zur restaurativen Bundesrepublik. Man sollte lernen: „die Russen sind unsere Freunde, die Menschen im Westen (inkl. die Nato / USA…) sind unsere Feinde“. Die gelernten Sichtweisen werden von manchen Ostdeutschen ungern aufgegeben. Außerdem, „wer gibt schon gerne zu, dass er falsch liegt“? Insbesondere dann nicht, wenn er / sie dem Staate der DDR sehr zugetan war und vielleicht durch die Wende eine DDR Karriere beenden musste.

Die Bundesrepublik sah sich als freiheitlich demokratischer und wirtschaftlich erfolgreicher Gegenentwurf – mit starkem Bezug zu Amerika und der westlichen Welt – zum maroden Unterdrückungsregime der SED. Die Menschen in Westdeutschland interessierten sich kaum für die ehemalige DDR. Und überhaupt, man fühlte sich gegenüber der DDR moralisch (überheblich) und wirtschaftlich überlegen, „wir können alles, wir zahlen alles, wir schaffen alles  …“.

Fazit

„Wir sind die Guten, die Russen sind die Bösen.“

Besser vielleicht: „Es ist ein Einbruch der Realität zu verzeichnen“ – die russische Führung mit einem Diktator an der Spitze hat inmitten Europas völkerrechtswidrig und versehen mit nostalgisch imperialen Zielen ein souveränes Land überfallen und einen barbarischen Krieg losgetreten, indem sich die Welt dieser Realität gegenüber positionieren muss.

In jeder Gesellschaft gibt es gute und auch böse Menschen sowie unterschiedliche Haltungen, Betrachtungsweisen und Perspektiven, Dinge und Ereignisse zu sehen und zu bewerten.

Die Diskussion rund um den Ukraine Krieg wird oft einseitig und polarisierend sowie emotional geführt.

Entscheidend ist am Ende nicht, was jemand denkt / fühlt oder nicht denkt / nicht fühlt (in den Kopf des anderen kann man „Gott sei Dank“ nicht sehen), sondern wie Menschen miteinander kommunizieren bzw. interagieren – also: welche sozialen Tatsachen geschaffen werden.

Verlassen sich dabei Menschen und Staaten auf verlässlich geteilte Regeln und halten sie sich vor allem an geltendes Recht / Völkerrecht?

Die Tatsache und Straftat (Völker)Mord lässt sich eben nicht damit begründen, dass man dem anderen – von dem man sich ja bedroht „gefühlt“ hat – nur zuvorkommen wollte.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 25-1-1024x1019.jpgEin politisches und gesellschaftliches Problem entsteht dann, wenn eine ostdeutsche Identität als Gegenentwurf zu der freiheitlich-demokratischen Grundordnung konstruiert wird: sei es als Selbstbeschreibung oder als Fremdzuschreibung. Versuche einer solchen Identitätspolitik gab es in den vergangenen 30 Jahren immer wieder. Sollten diese am Ende erfolgreich sein, entsteht ein Demokratieproblem, das nicht nur Ostdeutschland, sondern Deutschland als Ganzes betrifft.

 

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 22-2-964x1024.jpgDie o. g. Dokumentation hat bestätigt, dass zwar der Versuch von Randgruppen und demokratiefeindlichen Gruppierungen und Parteien unternommen wird, einen ostdeutschen Gegenentwurf zur freiheitlichen Grundordnung der Bundesrepublik zu konstruieren aber sie hat auch gezeigt, dass die meisten Menschen aus Ost- und Westdeutschland ähnlich „ticken“ und die Vorteile der Demokratie (bei allen Schwierigkeiten) sowie das selber und auch gemeinsam Geschaffene nach der Wende sehr schätzen.

 

Jugend

„Für die große Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland ist die Demokratie als Staatsform selbstverständlich. Ganz konkret sind fast vier von fünf Jugendlichen (77 %) mit der Demokratie, so wie sie in Deutschland besteht, eher oder sehr zufrieden – diese Werte steigen sogar seit vielen Jahren an. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung bei ostdeutschen Jugendlichen. War es im Jahr 2015 nur etwa jeder zweite, der sich im Osten eher oder sehr zufrieden mit der Demokratie in Deutschland zeigte, so sind es heute bereits zwei von dreien. Die Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Jugendlichen bleiben damit zwar noch bestehen, gleichen sich hinsichtlich der Bewertung der deutschen Gesellschaft aber zunehmend an.“ Aus: shell.de/about-us/initiatives/shell-youth-study