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„Hilfe, die sich überflüssig macht – für einen starken Sozialstaat“

Es ist das Thema, das den Kern unseres Sozialstaates berührt:

Wie helfen wir richtig?

Wie gestalten wir ein Hilfesystem, das Menschen nicht in Abhängigkeit hält, sondern sie befähigt, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen?

Es ist höchste Zeit, dass wir ehrlich Bilanz ziehen und die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.

Die Bilanz – wir leisten uns teure Wirkungslosigkeit

Ein Blick auf die Zahlen macht deutlich:

  • 2005 hatten wir in Deutschland mehr als 5 Millionen Arbeitslose.
  • Heute, 2025, sind es noch 3 Millionen – ein historischer Rückgang, ein Erfolg für unser Land.
  • Aber gleichzeitig: Die Zahl der Beschäftigten in der Bundesagentur für Arbeit und den Jobcentern ist bei rund 100 000 geblieben – und steigt sogar leicht.
  • Jahr für Jahr geben wir über 70 Milliarden Euro für Arbeitslosenunterstützung und Grundsicherung aus.
  • Und die Vermittlungsquote – also der Anteil der Menschen, die durch die Hilfe des Systems tatsächlich einen Job finden – liegt zwischenzeitlich unter 6 Prozent, trotz 1,18 Millionen offener Stellen im ersten Qurtal 2025 landesweit (IAB-Stellenerhebung). 

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen: Das Verhältnis von Aufwand und Wirkung stimmt nicht. Viele Menschen spüren das offensichtlich und sind sehr besorgt.

Strukturelle Probleme – Hilfe ohne Ziel

Warum ist das so?

  • Weil unsere Hilfesysteme zu oft bürokratisch verwalten, statt Menschen wirklich zu stärken.
  • Weil sie nach der eigenen Logik handeln: Hilfe geben oder verweigern – aber selten danach, ob sie jemanden nachhaltig aus dem System bringt.
  • Weil Institutionen ein Eigeninteresse an ihrem Fortbestand entwickeln. Wenn weniger Menschen Hilfe brauchen, droht Personalabbau – also besteht ein stiller Anreiz, Probleme nicht zu lösen, sondern zu verwalten.
  • Für Betroffene bedeutet das: Entmündigung statt Empowerment.

Statt Chancen zu eröffnen, werden Menschen in immer neuen Maßnahmen gehalten – oft fern von der Realität des Arbeitsmarktes.

Ein neues Leitbild – Hilfe, die sich überflüssig macht

„Jeder Mensch kann etwas. Jeder wird gebraucht. Jeder ist wichtig.“

Daran müssen wir unser Handeln ausrichten.

Hilfe darf nicht Defizite verwalten, sondern muss Potenziale entfalten. Hilfe muss sich überflüssig machen – dann ist sie erfolgreich.

Das bedeutet:

  • Nicht-Hilfe als Strategie: Wenn Menschen selbst handeln können, dürfen wir ihnen nicht jede Aufgabe abnehmen. Denn nur wer selbst handelt, erfährt Selbstwirksamkeit.
  • Empowerment statt Dauerversorgung: Hilfe soll Menschen stark machen, nicht schwach halten.
  • Stärkenorientierung statt Defizitblick: Wer Fähigkeiten hat, soll diese einbringen dürfen – statt in endlosen Bewerbungstrainings zu sitzen.

Reformagenda – klare Ziele, klare Konsequenzen

Wir brauchen eine Reformagenda, die konkrete Ziele setzt und überprüfbar macht.

a) Vermittlungsquote von 20 % pro Jahr

Die Bediensteten der BA und der Jobcenter müssen ihrer Mittlerrolle zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitslosen gerecht werden. Dafür müssen sie sie aber auch die Stärken der Arbeitslosen und die Arbeitgeber (alle) der Region kennen und diese regelmäßig kontaktieren. Was derzeit nicht geschieht. Wir müssen die Integrationswirkung mindestens verdreifachen. 20 % Vermittlungsquote pro Jahr – das ist machbar, wie regionale Projekte und Praxisbeispiele längst beweisen. 

b) Abbau von Überstrukturen

Wenn das gelingt, können wir den Verwaltungsapparat von heute 100 000 Beschäftigten auf 30 000 bis 55 000 reduzieren. Nicht sofort, aber Schritt für Schritt – indem wir Hilfe wirksamer machen.

c) Unabhängige Forschung

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung darf nicht länger direkt an die BA gekoppelt sein. Nur unabhängige Forschung schafft Glaubwürdigkeit.

d) Jährliche Wirkungsprüfungen

Jede Maßnahme, jedes Programm muss nachweisen, dass es Menschen nachhaltig in Arbeit bringt. Tut es das nicht, muss es geändert oder beendet werden.

e) Unternehmen als Partner

Arbeitsmarktintegration gelingt nicht im Bürokratieapparat, sondern in Zusammenarbeit mit Betrieben (HRM Systeme). Berufliche Bildung und Weiterbildung sollte nur noch in Betrieben und nicht mehr – bis auf wenige Ausnahmen – bei externen Trägern stattfinden.

f) Anschluss statt Mismatchfrust in Prozessen der Vermittlung 

Jobcenter müssen von der BA organisatorisch unabhängige Potenzialagenturen werden, die Menschen mit ihren persönlichen Stärken in reale Arbeitskontexte bringen und damit individuellen beruflichen Anschluss ermöglichen. Aktivierung sollte in alleiniger Verantwortung der Potenzialagenturen stehen. Keine öffentlichen Vergaben dieser Aufgaben mehr.

Warum jetzt? – Die demographische Herausforderung

Wir stehen vor einer historischen Aufgabe:

  • Bis 2035 gehen über 7 Millionen Menschen in Rente.
  • Schon heute fehlen über 1,5 Millionen Fachkräfte.

Wir können es uns schlicht nicht leisten, Millionen Menschen dauerhaft im System zu halten.
Wir brauchen jede und jeden – nicht als Bittsteller, sondern als Mitgestalter unserer Gesellschaft.

Mut zu ehrlicher Hilfe

  • Sozial und gerecht ist nicht, möglichst viel Geld in ineffiziente Strukturen zu pumpen.
  • Sozial und gerecht ist, die richtigen Dinge gut zu tun.

Denn:
Hilfe, die wirkt, macht sich überflüssig.

Hilfe, die stark macht, gibt Menschen ihre Würde zurück.

 Hilfe, die integriert, nützt nicht nur den Betroffenen, sondern unserer ganzen Gesellschaft.

Das ist der Auftrag. Und dafür brauchen wir Mut – Mut zur Veränderung, Mut zum Loslassen alter Routinen, Mut zu einer neuen Kultur der kollektiven sowie individuellen Verantwortung  aller Beteiligten (Arbeitslose / Helfende / Unternehmen / Wissenschaft / Politik und Solidargemeinschaft).

Ein starker, zukunftsfähiger Sozialstaat ist dringend notwendig

Großbaustelle Sozialstaat

„Wenn wir nicht 5 von 100 Arbeitslosen vermitteln würden, wäre alles noch viel schlechter“ (Andrea Nahles) 29.8.2025.