„arbeitslos“ – Wenn Hilfe nicht mehr hilft

o Einleitung
Jedes Jahr fließen Milliarden in die Arbeitsmarktintegration. Es wird beraten, aktiviert, qualifiziert, dokumentiert. Und doch bleibt die Kernleistung erstaunlich schwach: Nur ein kleiner Teil der Arbeitsaufnahmen geht unmittelbar auf die Vermittlungstätigkeit der Institutionen (BA / Jobcenter) zurück. Bei einer Vermittlungsquote von lediglich 5-6 % p. a. könnte man auch sagen, dass das Zufall ist.
Das Problem dieser schwachen Kernleistung ist nicht fehlendes Engagement! Das Problem ist die Logik des Systems.
Wir haben ein System gebaut, das Prozesse perfektioniert – aber Wirkung nicht konsequent einfordert. Gespräche werden gezählt, Maßnahmen belegt, Bewerbungen dokumentiert. Doch Integration entsteht nicht im Formular, sondern im Betrieb. Sie entsteht, wenn ein Arbeitgeber überzeugt ist – und ein Mensch sich zutraut, dort mitzuwirken.
Statt Stärken sichtbar zu machen, arbeiten wir mit Defizitkatalogen. Statt Anschluss zu organisieren, organisieren wir Teilnahme. Statt Unternehmensbeziehungen systematisch aufzubauen, verwalten wir Fallakten.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Organisationen sichern zuerst ihre eigene Stabilität. Ein Hilfesystem, das sich erfolgreich überflüssig macht, verkleinert sich. Das ist strukturell nicht attraktiv.
In der Wirtschaft würden Unternehmen mit dauerhaft schwacher Kernleistung vom Markt verschwinden. Im staatlichen System bleibt alles stabil – finanziert durch die Solidargemeinschaft.

o Über gute Absichten, falsche Logiken und den Mut zur Wirkung
Helfen kann helfen.
Aber Helfen kann auch verhindern, dass Menschen sich selbst helfen.
Das klingt hart. Und doch lohnt es sich, genau dort hinzusehen – besonders im Bereich der Arbeitsmarktintegration. Denn hier investieren wir jedes Jahr Milliarden, beschäftigen zehntausende Mitarbeitende, organisieren Maßnahmen, Trainings, Beratungen und Programme. Und trotzdem bleibt die entscheidende Frage bestehen:
Bringt das System Menschen tatsächlich nachhaltig in Arbeit – oder verwaltet es vor allem sich selbst?
o Die stille Logik jeder Organisation
Organisationen – egal ob privat oder staatlich – haben ein Grundbedürfnis: Sie wollen bestehen bleiben.
Dazu brauchen sie:
- Aufgaben,
- Budget,
- Personal,
- Legitimation.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Strukturbedingung. Doch genau hier entsteht ein Spannungsfeld:
Ein System der Hilfe lebt davon, dass es Hilfebedarf gibt.
Wenn dieser dauerhaft verschwindet, verschwindet auch die Notwendigkeit der Organisation.
So entsteht – ungewollt – eine paradoxe Lage:
Hilfe ist dann wirklich erfolgreich, wenn sie sich überflüssig macht.
Aber genau das gefährdet ihre eigene Existenzgrundlage.
o Verwaltung ist nicht Markt
Arbeitsmarktintegration findet in einer Welt statt, die von Unternehmen geprägt ist. Unternehmen entscheiden schnell, pragmatisch und produktivitätsorientiert. Sie stellen Stärken ein – nicht Lebensläufe. Sie suchen Lösungen – keine Fallakten.
Verwaltungen dagegen funktionieren anders. Sie müssen:
- rechtssicher handeln,
- Gleichbehandlung garantieren,
- dokumentieren,
- Risiken minimieren.
Beides ist legitim. Doch wenn die Verwaltungslogik dominiert, verschiebt sich der Fokus. Dann wird gemessen, wie viele Gespräche geführt wurden, wie viele Maßnahmen belegt sind, wie viele Bewerbungen geschrieben wurden.
Aber Integration entsteht nicht im Berichtswesen.
Sie entsteht zwischen zwei Menschen: einem Arbeitgeber und einem Bewerber.
o Integration ist Beziehung, nicht Matching
Die verbreitete Vorstellung lautet: Man müsse nur Profile mit Stellen „matchen“.
Doch in der Realität passen Profile fast nie perfekt.
Entscheidend ist etwas anderes:
Finden die Stärken eines Menschen Anschluss im Betrieb?
Anschluss bedeutet:
- Ein Arbeitgeber erkennt einen Nutzen.
- Eine Person erkennt eine Perspektive.
- Es entsteht Vertrauen.
- Man probiert sich aus.
Das ist kein Verwaltungsakt.
Das ist Beziehung.
Wenn Vermittler jedoch kaum Kontakt zu Unternehmen haben, wenn sie deren Arbeitsrealität nicht kennen, wenn sie nie sehen, wie Aufgaben tatsächlich organisiert sind – wie soll dann Anschluss entstehen?
Die Kerngleichung heißt: 1 + 1 = 3
(1) Arbeitsuchender (2) Beziehung / Anschluss (3) Arbeitgeber
o Die Defizitfalle
Viele Hilfesysteme arbeiten primär mit Hemmnissen:
Welche Schwächen liegen vor? Welche Defizite? Welche Problemlagen?
Doch Arbeitgeber stellen keine Defizite ein. Sie stellen Stärken ein, die sie entlasten.
Wenn Menschen jahrelang lernen, ihre Schwächen detailliert zu benennen, aber nicht sagen können, was sie konkret gut können, entsteht ein Identitätsproblem. Hilfsbedürftigkeit wird zum Selbstbild.
So stabilisiert das System ungewollt genau das, was es eigentlich überwinden möchte.
o Wenn Misserfolg folgenlos bleibt
In der Wirtschaft verschwinden Unternehmen, die dauerhaft ihre Kernaufgabe nicht erfüllen.
Im staatlichen System ist das anders.
Hier trägt die Solidargemeinschaft das Risiko.
Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern.
Ergebnisse lassen sich interpretieren.
Bleibt die Wirkung gering, gibt es viele mögliche Erklärungen:
- Die Zielgruppe ist heterogen und schwierig.
- Es liegen Defizite bzw. multiple Hemmnisse vor.
- Die Wirtschaftslage ist schlecht.
- Die Arbeitgeber sind anspruchsvoll.
- Die Arbeitslosen passen nicht zu den Stellen.
- Die Stellen liegen oft nicht im Pendelbereich.
- Die Arbeitgeber zahlen schlecht.
- Die Mittel reichen nicht.
- Die Guten sind weg.
- Zu hohe Fallzahlen.
- …
So entsteht ein Zustand, in dem hohe Kosten mit geringer Kernwirkung koexistieren – ohne dass das System grundlegend infrage gestellt wird.
o Was gute Arbeitsmarktpolitik eigentlich leisten müsste
Gute Politik erfüllt zwei Bedingungen:
- Sie tut die richtigen Dinge (Wirksamkeit).
- Sie tut sie wirtschaftlich (Effizienz).
Man kann Prozesse perfekt managen und dennoch das falsche Problem bearbeiten.
Man kann Hilfe leisten, die gut dokumentiert ist – aber keinen Arbeitsplatz schafft.
Eine Reform müsste deshalb:
- die Integration zum zentralen Maßstab machen,
- Stärkenorientierung zur Leitidee erheben,
- Betriebsbeziehungen systematisch aufbauen,
- Verwaltung radikal digitalisieren,
- und Erfolg finanziell belohnen.
Hilfe sollte kleiner werden, wenn sie wirkt.
Das wäre ein Zeichen von Erfolg – nicht von Versagen.
o Der unbequeme Gedanke
Vielleicht liegt das Problem nicht in mangelndem Engagement der Mitarbeitenden.
Vielleicht liegt es nicht einmal primär in der Politik.
Vielleicht liegt es in einer Systemlogik, die Prozesse belohnt und Wirkung nur am Rand misst.
Wenn das stimmt, braucht es keine kosmetischen Korrekturen.
Es braucht einen Perspektivwechsel:
Weg von Maßnahmen.
Hin zu Anschluss.
Weg von Defiziten.
Hin zu Stärken.
Weg von Verwaltung als Zentrum.
Hin zu Beziehung als Kern.

o Am Ende bleibt eine einfache Frage
Was tun wir konkret, um uns überflüssig zu machen?
Ein Hilfesystem, das diese Frage ernsthaft beantwortet, hätte seine Legitimation gefunden.
Ein System, das sie nicht stellt, verwaltet – aber integriert nicht.
Und vielleicht beginnt Reform genau dort: bei der Bereitschaft, die eigene Existenz nicht als selbstverständlich zu betrachten, sondern als Auftrag auf Zeit.
Arbeitsmarktintegration ist ein zentrales Element sozialstaatlicher Legitimation. Angesichts hoher fiskalischer Belastungen und wachsender Fachkräftebedarfe ist eine wirkungsorientierte Weiterentwicklung geboten.
o Leitlinien einer Reform des Sozialstaates durch Wirkung
– Erhöhung der Beschäftigungsintegration bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung. Aufgabe: „Die richtigen Dinge gut tun“.
- Outcome-Fokus: Beschäftigung als primäre Steuerungsgröße.
- Marktnähe: Verbindliche Unternehmensbeziehungen als Teil des Berufsprofils.
- Stärkenorientierung: Kompetenzbasierte Integrationsdiagnostik.
- Digitalisierung: Entlastung administrativer Routinen.
- Evaluation & Transparenz: Unabhängige Wirkungsmessung.
- Budgetanreize: Teilweise Kopplung von Mitteln an nachhaltige Integrationsleistungen.
- Gelingende Hilfe: Hilfe ist nur dann erfolgreich, wenn sie überflüssig wird.




