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„arbeitslos“ – Wenn Hilfe nicht mehr hilft

Tun wir die richtigen Dinge (Effektivität – was)? – Tun wir die richtigen Dinge gut (Effizienz – wie)?
Tun wir die falschen Dinge? – Tun wir die falschen Dinge gut?

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  • Enzo Weber ist ein parteiloser Ökonom und Arbeitsmarktforscher am IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung). Er ist jedoch beratend aktiv, unter anderem im Wirtschaftspolitischen Beirat beim SPD-Parteivorstand und im Wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsforums der SPD.
  • Weber sagt: „Der „einzige“ wesentliche Hebel den man hat, ist Menschen wirklich nachhaltig in Arbeit zu bringen. Und wenn man das im großen Stil erreichen will, dann recht es nicht nur an der Verbindlichkeitsschraube zu drehen, sondern dann brauche ich Qualifizierung, dann brauche ich eine intensive Betreuung, dann brauche ich gute finanzielle Anreize, und wenn ich alles das biete, dann sind dann viele hunderttausend Jobs drin und dann kann ich auch für die öffentlichen Haushalte viele Milliarden einsparen.“
    – > ZDF Morgenmagazin Statement – ENZO WEBER (Minute 17,24)

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Mehr Beratung, mehr Betreuung und noch mehr Geld ist aber nicht die Lösung 
Wenn führende Arbeitsmarktforscher (iab) erklären, der „einzige wesentliche Hebel“ zur Integration von Arbeitslosen sei mehr Qualifizierung, mehr intensive Betreuung und mehr finanzielle Anreize, lohnt sich ein genauer Blick auf die Realität des Systems. Denn die Bilanz der institutionellen Arbeitsmarktintegration und Arbeitsvermittlung fällt sehr ernüchternd aus.

Jahr für Jahr fließen Milliarden in Beratung, Maßnahmen, Programme und Dokumentation. Gespräche werden geführt, Bewerbungsaktivitäten protokolliert, Maßnahmen belegt. Doch die Kernleistung des Systems – die tatsächliche Vermittlung bzw. die Initiierung des gezielten Anschlusses in Arbeit und der dann folgenden PE-Projekte in HRM Systemen von Unternehmen – bleibt erstaunlich schwach. Nur ein kleiner Teil der Arbeitsaufnahmen geht unmittelbar auf die Vermittlungs- bzw. Integrationstätigkeit der Institutionen zurück.


Wer unter diesen Bedingungen als „einzigen (alternativlosen) Hebel“ ausgerechnet noch mehr Betreuung und noch mehr Programme fordert, verstärkt letztlich genau jene (wenig erfolgreichen) Mechanismen, die das System bereits seit einigen Jahren dominieren und die Finanzkassen so sehr belasten aber im Ergebnis wenig wirksam waren.

Arbeitsmarktintegration entsteht nicht in Maßnahmen oder Beratungszimmern, sondern über Anschluss im Betrieb – dort, wo Arbeitgeber entscheiden, Menschen einzustellen.


Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Programme ein System organisiert, sondern ob es tatsächlich Brücken in Unternehmen baut. Solange Arbeitgeberbeziehungen und echter Anschluss zwischen Betrieben und Arbeitssuchenden nicht im Zentrum stehen, bleibt Arbeitsmarktpolitik vor allem ein Verwaltungsprojekt.


Hinzu kommt ein institutionelles Spannungsfeld: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist Teil der Bundesagentur für Arbeit und bewertet damit ein System, zu dem es selbst gehört. Forschung innerhalb einer Institution ist per se problematisch – die notwendige wissenschaftliche Distanz ist nicht gegeben. Wenn führende Vertreter dieser Forschung zugleich in wirtschaftspolitischen Beiräten einer Partei aktiv sind, wie etwa Enzo Weber beim Parteivorstand der Sozialdemokratische Partei Deutschlands, stellt sich zumindest die Frage, ob hier wissenschaftliche Analyse oder politische Programmatik spricht.


Gerade deshalb braucht die Debatte über Arbeitsmarktintegration mehr Offenheit für strukturelle Kritik. Ein System, das vor allem seine eigenen Prozesse perfektioniert, wird seine Wirkung am Arbeitsmarkt nicht automatisch steigern. Mehr Programme im selben System sind dann keine Lösung – sondern Teil des Problems.


Wer wirklich mehr Menschen in Arbeit bringen will, muss den Fokus verschieben: weg von der Verwaltung von Arbeitslosigkeit und hin zur systematischen Verbindung von Menschen und Betrieben. Arbeitsmarktintegration entsteht nicht durch Betreuung.

Sie entsteht dort, wo Arbeit tatsächlich stattfindet und ein erfolgreicher Anschluss kommuniziert werden kann. Systeme der Arbeitsmarktintegration sind genau hier nicht professionalisiert und Arbeitslose Menschen demnach nicht hinreichend sozialisiert und empowert. Der anführend vorgetragene Denk-und Handlungsansatz von Enzo Weber schadet den Arbeitslosen und Deutschland.

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o Einleitung

Jedes Jahr fließen Milliarden in die Arbeitsmarktintegration. Es wird beraten, aktiviert, qualifiziert, dokumentiert. Und doch bleibt die Kernleistung erstaunlich schwach: Nur ein kleiner Teil der Arbeitsaufnahmen geht unmittelbar auf die Vermittlungstätigkeit der Institutionen (BA / Jobcenter) zurück. Bei einer Vermittlungsquote von lediglich 5-6 % p. a. könnte man auch sagen, dass das Zufall ist.

Das Problem dieser schwachen Kernleistung ist nicht fehlendes Engagement, gut gemeint oder guter Wille! Das Problem ist die Logik des Systems.

Wir haben ein System gebaut, das Prozesse perfektioniert – aber Wirkung nicht konsequent einfordert. Gespräche werden gezählt, Maßnahmen belegt, Bewerbungen dokumentiert. Doch Integration entsteht nicht im Formular, sondern im Betrieb. Sie entsteht, wenn ein Arbeitgeber überzeugt ist – und ein Mensch sich zutraut, dort mitzuwirken.

Statt Stärken sichtbar zu machen, arbeiten wir mit Defizitkatalogen und ganz akribisch an gut  gemeinten Konzepten der „Betreuung arbeitsmarktferner Arbeitsloser“ (BafAlo). Statt Anschluss zu organisieren, stigmatisieren wir und organisieren wir Teilnahme. Statt Unternehmensbeziehungen systematisch aufzubauen, verwalten wir Fallakten.

Die unbequeme Wahrheit lautet: Organisationen sichern zuerst ihre eigene Stabilität. Ein Hilfesystem, das sich erfolgreich überflüssig macht, verkleinert sich. Das ist strukturell nicht attraktiv.

In der Wirtschaft würden Unternehmen mit dauerhaft schwacher Kernleistung vom Markt verschwinden. Im staatlichen System bleibt alles stabil – kritiklos finanziert durch die Solidargemeinschaft.

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o Über gute Absichten, falsche Logiken und den Mut zur Wirkung

Helfen kann helfen.
Aber Helfen kann auch verhindern, dass Menschen sich selbst helfen.

Das klingt hart. Und doch lohnt es sich, genau dort hinzusehen – besonders im Bereich der Arbeitsmarktintegration. Denn hier investieren wir jedes Jahr Milliarden, beschäftigen zehntausende Mitarbeitende, organisieren Maßnahmen, Trainings, Beratungen und Programme. Und trotzdem bleibt die entscheidende Frage bestehen:

Bringt das System Menschen tatsächlich nachhaltig in Arbeit – oder verwaltet es vor allem sich selbst?

o Die stille Logik jeder Organisation

Organisationen – egal ob privat oder staatlich – haben ein Grundbedürfnis: Sie wollen bestehen bleiben.

Dazu brauchen sie:

  • Aufgaben,
  • Budget,
  • Personal,
  • Legitimation.

Das ist kein Vorwurf, sondern eine Strukturbedingung. Doch genau hier entsteht ein Spannungsfeld:

Ein System der Hilfe lebt davon, dass es Hilfebedarf gibt.
Wenn dieser dauerhaft verschwindet, verschwindet auch die Notwendigkeit der Organisation.

So entsteht – ungewollt – eine paradoxe Lage:
Hilfe ist dann wirklich erfolgreich, wenn sie sich überflüssig macht.
Aber genau das gefährdet ihre eigene Existenzgrundlage.

 

o Verwaltung ist nicht Markt

Arbeitsmarktintegration findet in einer Welt statt, die von Unternehmen geprägt ist. Unternehmen entscheiden schnell, pragmatisch und produktivitätsorientiert. Sie stellen Stärken ein – nicht Lebensläufe. Sie suchen Lösungen – keine Fallakten.

Verwaltungen dagegen funktionieren anders. Sie müssen:

  • rechtssicher handeln,
  • Gleichbehandlung garantieren,
  • dokumentieren,
  • Risiken minimieren.

Beides ist legitim. Doch wenn die Verwaltungslogik dominiert, verschiebt sich der Fokus. Dann wird gemessen, wie viele Gespräche geführt wurden, wie viele Maßnahmen belegt sind, wie viele Bewerbungen geschrieben wurden.

Aber Integration entsteht nicht im Berichtswesen.
Sie entsteht zwischen zwei Menschen: einem Arbeitgeber und einem Bewerber.

o Integration ist Beziehung, nicht Matching

Die verbreitete Vorstellung lautet: Man müsse nur Profile mit Stellen „matchen“.

Doch in der Realität passen Profile fast nie perfekt.
Entscheidend ist etwas anderes:

Finden die Stärken eines Menschen Anschluss im Betrieb?

Anschluss bedeutet:

  • Ein Arbeitgeber erkennt einen Nutzen.
  • Eine Person erkennt eine Perspektive.
  • Es entsteht Vertrauen.
  • Man probiert sich aus.

Das ist kein Verwaltungsakt.
Das ist Beziehung.

Wenn Vermittler jedoch kaum Kontakt zu Unternehmen haben, wenn sie deren Arbeitsrealität nicht kennen, wenn sie nie sehen, wie Aufgaben tatsächlich organisiert sind – wie soll dann Anschluss entstehen?

Die Kerngleichung heißt: 1 + 1 = 3  
(1) Arbeitsuchender (2) Beziehung / Anschluss (3) Arbeitgeber

o Die Defizitfalle

Viele Hilfesysteme arbeiten primär mit Hemmnissen:
Welche Schwächen liegen vor? Welche Defizite? Welche Problemlagen?

Doch Arbeitgeber stellen keine Defizite ein. Sie stellen Stärken ein, die sie entlasten.

Wenn Menschen jahrelang lernen, ihre Schwächen detailliert zu benennen, aber nicht sagen können, was sie konkret gut können, entsteht ein Identitätsproblem. Hilfsbedürftigkeit wird zum Selbstbild.

So stabilisiert das System ungewollt genau das, was es eigentlich überwinden möchte.

 

o Wenn Misserfolg folgenlos bleibt

In der Wirtschaft verschwinden Unternehmen, die dauerhaft ihre Kernaufgabe nicht erfüllen.

Im staatlichen System ist das anders.
Hier trägt die Solidargemeinschaft das Risiko.
Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern.
Ergebnisse lassen sich interpretieren.

Bleibt die Wirkung gering, gibt es viele mögliche Erklärungen:

  • Die Zielgruppe ist heterogen und schwierig.
  • Es liegen Defizite bzw. multiple Hemmnisse vor.
  • Ein erheblicher Teil der Leistungsbezieher ist nicht erwerbsfähig.
  • Die Wirtschaftslage ist schlecht.
  • Die Arbeitgeber sind anspruchsvoll.
  • Die Arbeitslosen passen nicht zu den Stellen.
  • Die Stellen liegen oft nicht im Pendelbereich.
  • Die Arbeitgeber zahlen schlecht.
  • Die Mittel reichen nicht.
  • Die Guten sind weg.
  • Zu hohe Fallzahlen.

So entsteht ein Zustand, in dem hohe Kosten mit geringer Kernwirkung koexistieren – ohne dass das System grundlegend infrage gestellt wird.

o Was gute Arbeitsmarktpolitik eigentlich leisten müsste

Gute Politik erfüllt zwei Bedingungen:

  1. Sie tut die richtigen Dinge (Wirksamkeit).
  2. Sie tut sie wirtschaftlich (Effizienz).

Man kann Prozesse perfekt managen und dennoch das falsche Problem bearbeiten.
Man kann Hilfe leisten, die gut dokumentiert ist – aber keinen Arbeitsplatz schafft.

Eine Reform müsste deshalb:

  • die Integration zum zentralen Maßstab machen,
  • Stärkenorientierung zur Leitidee erheben,
  • Betriebsbeziehungen systematisch aufbauen,
  • Verwaltung radikal digitalisieren,
  • und Erfolg finanziell belohnen.

Hilfe sollte kleiner werden, wenn sie wirkt.
Das wäre ein Zeichen von Erfolg – nicht von Versagen.

o Der unbequeme Gedanke

Vielleicht liegt das Problem nicht in mangelndem Engagement der Mitarbeitenden.
Vielleicht liegt es nicht einmal primär in der Politik.

Vielleicht liegt es in einer Systemlogik, die Prozesse belohnt und Wirkung nur am Rand misst.

Wenn das stimmt, braucht es keine kosmetischen Korrekturen.
Es braucht einen Perspektivwechsel:

Weg von Maßnahmen.
Hin zu Anschluss.

Weg von Defiziten.
Hin zu Stärken.

Weg von Verwaltung als Zentrum.
Hin zu Beziehung als Kern.

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o Am Ende bleibt eine einfache Frage

Was tun wir konkret, um uns überflüssig zu machen?

Ein Hilfesystem, das diese Frage ernsthaft beantwortet, hätte seine Legitimation gefunden.

Ein System, das sie nicht stellt, verwaltet – aber integriert nicht.

Und vielleicht beginnt Reform genau dort: bei der Bereitschaft, die eigene Existenz nicht als selbstverständlich zu betrachten, sondern als Auftrag auf Zeit.

Arbeitsmarktintegration ist ein zentrales Element sozialstaatlicher Legitimation. Angesichts hoher fiskalischer Belastungen und wachsender Fachkräftebedarfe ist eine wirkungsorientierte Weiterentwicklung geboten.

o Leitlinien einer Reform des Sozialstaates durch Wirkung
– Erhöhung der Beschäftigungsintegration bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung. Aufgabe: „Die richtigen Dinge gut tun“.

  1. Outcome-Fokus: Beschäftigung als primäre Steuerungsgröße.
  2. Marktnähe: Verbindliche Unternehmensbeziehungen als Teil des Berufsprofils.
  3. Stärkenorientierung: Kompetenzbasierte Integrationsdiagnostik.
  4. Digitalisierung: Entlastung administrativer Routinen.
  5. Evaluation & Transparenz: Unabhängige Wirkungsmessung.
  6. Budgetanreize: Teilweise Kopplung von Mitteln an nachhaltige Integrationsleistungen.
  7. Gelingende Hilfe: Hilfe ist nur dann erfolgreich, wenn sie überflüssig wird.