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Nicht der einfache Zugang zu Leistungen macht den Sozialstaat gerechter, sondern die Reduktion von Hilfsbedürftigkeit

Was heißt eigentlich SOZIAL – umgangssprachlich und soziologisch?

Sozial
meint im moralischen Sinn Mitgefühl und Fürsorge.
Im soziologischen Sinn meint es das Geflecht von Beziehungen, Institutionen und Regeln, das Gesellschaft zusammenhält.

Fragen und Beobachtungen:

  • Helfen kann helfen.
  • Nicht Helfen als bewusstes Unterlassen kann aber auch helfen.
  • Haben Selbstbestimmung, Selbstentfaltung und Souveränität von Hilfebedürftigen in Prozessen der Sozialen Hilfe stets die oberste Priorität?
  • Fremdhelfen kann leicht Selbsthilfe und Selbstentfaltung ausbremsen.
  • Was ist, wenn das Helfen den Helfern mehr dient als dem Menschen in einer Mangel-/Notsituation?
  • Was ist, wenn der Hilfebedürftige seine Hilfsbedürftigkeit zum dauerhaften Selbstbild macht (bewusst / unbewusst)?
  • Wer schreitet eigentlich ein, wenn das Helfen zum dauerhaften Geschäft wird und die Hilflosigkeit anderer zur Notwendigkeit wird?
  • Was passiert eigentlich, wenn die Helfenden sich nicht überflüssig machen wollen?
  • Menschen wissen in der Regel mehr über sich und ihre Situation, als Fremdhelfer jemals in Erfahrung bringen können.
  • Warum sucht man eigentlich unermüdlich und teuer nach Schwächen und Hemmnissen, statt effektiv nach den Stärken – wenn doch jeder von sich selbst weiß, „nobody is perfect“?
  • Kann es sein, dass Hilfesuchende so sozialisiert und trainiert werden, dass sie ihre Hemmnisse und Schwächen genaustens kennen aber überhaupt nicht wissen, wo ihre Stärken liegen und was sie genau / ungefähr erreichen wollen? Also: nennen Sie 3-5 konkrete berufliche Stärken. Welches berufliche Ziel wollen Sie erreichen? Antworten meistens: Stärken – weiß ich nicht / Ziel – in Arbeit kommen – ok – wo konkret – keine Ahnung.
  • Arbeitgeber stellen Stärken ein, die sie entlasten. Das erwarten sie in Vorstellungsgesprächen. Wer Belastung(en) verkaufen will, scheitert.
  • Kann es sein, dass das Zeigen der Stärken – vielleicht an ein paar Tagen vor Ort im Unternehmen – viel mehr bringt als abgeschriebene Bewerbungsschreiben oder irgendwelche Trainingsmaßnahmen zur Einübung von Tagestrukturen etc..
  • Bewerberprofil und Stellenprofil müssen nicht „matchen“ (eigentlich tun sie es nur selten), entscheidend ist, dass die Stärken von Menschen (und jeder! hat welche) Anschluss in Unternehmen finden! Nicht das Profil muss matchen – sondern Stärken müssen Anschluss finden.
  • Nicht das Profiling und die Vermittlung sind die wesentlichen Prozesse bei der Arbeitsmarktintegration, sondern die Kommunikation bzw. Methodik des Anschlussfindens der Stärken von Menschen in arbeitskräftesuchenden Unternehmen. Anschluss = Beziehung > Beziehungsmanagment.
  • Institutionen und Organisationen (auch der Sozialen Hilfe) sind immer und grundsätzlich darauf ausgerichtet, sich zur erhalten. Eine Organisation, die sich konsequent „überflüssig“ macht, gefährdet ihre eigene Existenzgrundlage. Das erzeugt Zielkonflikte.
  • Soziales Helfen – auch wenn staatlich organisiert, ist immer auch ein Geschäft. Was, wenn Helfen zum Geschäft wird und Hilflosigkeit zur Voraussetzung?
  • Die Kerngleichung lautet: 1+1 sind 3. Zu einer erfolgreichen Arbeitsmarktintegration gehören immer -3 – = Arbeitsuchender (1) + Beziehung /Anschluss (2) + Arbeitgeber (3). Alles andere ist „nur“ Beiwerk und sollte sich auch so verstehen.
  • Die Vermittlung findet nicht im Kopf der Vermittler oder in der Matchingmaschine statt, sondern zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
  • Wer denkt eigentlich an die, die alles bezahlen?
  • Gibt es unabhängige Institutionen oder Menschen, die auf all diese Prozesse der Sozialen Hilfe schauen und im „Auftrag“ der Solidargemeinschaft den Finger auf die Wunde legen? Und wenn ja, wie wirkt sich das denn tatsächlich aus?
  • Im Grundgesetz steht, dass die Wissenschaft frei und nicht abhängig sein soll. Wie kann dann das IAB ein Teil der BA sein dürfen und vor allem, was soll dann dabei herauskommen – außer das Gewünschte?
  • Soziale Hilfe ist immer dann erfolgreich, wenn sie überflüssig wird. FRAGE an einen Leiter einer Arbeitsagentur: „Was tun Sie (und ihre Organisation) eigentlich, um sich überflüssig zu machen?“. Antwort: „Schulterzucken“.
  • Kann es sein, dass es den Mitarbeitenden in Sozialorganisationen auch schwerfällt, sich überflüssig zu machen, weil es kein organisationelles Konzept für das Danach gibt?
  • Aktivierungsprojekte sollten nur noch von Jobcentern und Arbeitsagenturen gesteuert und durchgeführt werden. Eine Fremdvergabe ist nicht zielführend. Außerdem teuer.
  • Berufliche Weiterbildung von Arbeitslosen sollte nur noch in (möglichst aufnehmenden) Unternehmen stattfinden.
  • Nicht die Quantität an Bewerbungsschreiben ist für die Arbeitsaufnahme entscheidend, sondern der tatsächliche Anschluss an Unternehmen. Kann es sein, dass dieses Kommunikationsgeschäft (Beziehungsmanagement) von den professionellen Helfern nicht beherrscht wird?
  • Wie wollen Vermittler / persönliche Ansprechpartner / Arbeitsberater … helfen, beraten und vermitteln, wenn sie 0 Kontakt zu Unternehmen haben? Die Mehrheit o. g. hat in den letzten Jahren tatsächlich kein Unternehmen von innen gesehen. An deren Beratungstüren steht allerdings fett: Fachkraft oder Persönlicher Ansprechpartner für „Markt und Integration“. Wie will man also Anschluss herstellen, wenn man die Unternehmen / Akteure von Unternehmen samt ihrem HRM Konzept nicht kennt sowie die Grundlagen des Beziehungsmanagements nicht beherrscht?
  • Rote Linie. Wenn Jobcenter und Arbeitsagenturen – trotz aller innovativen Bekundungen und Zielvorgaben – nicht oder nur kaum Menschen in Arbeit bringen, sollte diese erfolglose Soziale Hilfearbeit vielleicht am Ende zum größten Teil von digitalen Automaten bzw. künstlicher Intelligenz ersetzt werden? Berater wären dann – bei gleichbleibend geringer Vermittlungsquote – nur noch für wenige Beratungszwecke erforderlich.
  • Wenn die direkte Vermittlungsleistung der Arbeitsmarktinstitutionen in Deutschland nur in etwa 5 % der Fälle zu einem Job führt also in 95 Fällen nicht erfolgreich ist, dann ist die Frage nicht nur erlaubt, sondern zwingend: Wie sinnvoll ist ein System, das seine Grundaufgabe nicht erfüllt – und das seit weit über 10 Jahren ohne Trendwende?
  • Wir geben jährlich Milliarden aus für ein Beratungs- und Vermittlungssystem der Sozialen Hilfe, das nachweisbar in über 90 % der Fälle nicht wirkt und in mehr als der Hälfte der Fälle keinen nachhaltigen Erfolg erzeugt. Das ist fiskalisch nicht legitimierbar – und ist es deswegen nicht höchste Zeit, das System entweder radikal umzubauen oder Teile davon abzuschaffen und durch effektive digitale Ansätze zu ersetzen?
  • Der Steuerzahler ist im Grunde für eine Organisation im Einsatz, die kaum Leistung erzielt – aber erhebliche Kosten produziert. So hart es klingt, man liefert nicht aber dennoch bleibt alles wie es ist! Schuld sind: die Arbeitgeber, die Arbeitslosen, die Hemmnisse und Defizite, die Rahmenbedingungen, das fehlende Geld, die Unterbesetzung, die Weltereignisse, die Politik usw. Also – Schuld sind die anderen.
  • Kann es sein, dass Sozialpolitiker Angst davor haben oder vielleicht nicht kenntnisreich genug sind, eigene staatliche soziale Institutionen und Organisationen des Helfens in Frage zu stellen? Oder würden sie sich dadurch eigene Anschlussmöglichkeiten verbauen?
  • Welche Systemlogik wurde von Gerhard Schröder Anfang der 2000 Jahre eingeführt – und was ist davon übrig geblieben?
  • Die Sozialstaatsreformen unter Gerhard Schröder (der hat sich getraut) und der Hartz-Kommission unter Peter Hartz (VW Vorstand Personal) sollten unternehmerisches HR-Denken in die Arbeitsverwaltung bringen: Marktnähe, Ergebnisorientierung, PE – Denken, Empowerment, Anschlussmanagement und schnelle Vermittlung. Fordern und Fördern – Helfen und Nicht-Helfen (als bewusstes Unterlassen).
  • Das Konzept wurde nicht weiterentwickelt. Die heutige Realität besteht aus simpler Verwaltungslogik ohne messbare Vermittlungswirkung. Die Vermittlungsquote ist quasi auf nahezu 0 gesunken. Die Wirkung ist insgesamt schwach. Der Verwaltungsaufwand ist extrem hoch. Die Kosten steigen und steigen und überfordern die Solidargemeinschaft.
  • Heute sehen wir wieder Verwaltungsdominanz ohne marktwirtschaftliche Ergebnisverantwortung. In dieser Situation würden nicht staatliche Unternehmen geschlossen bzw. zwingend vom Markt genommen werden müssen. Der Gründe warum das nicht passiert sind: keiner ist verantwortlich, die Chefin ist Staatsdienerin, alles sind eigentlich Kollegen. Das Risiko trägt ja die Gemeinschaft. …
  • Jeder kluge Mensch weiß, dass Erfolg aus 2 Dingen besteht:
    (1) Tue ich die richtige Dinge (Effektivität=Wirksamkeit)?
    (2) Tue ich die richtigen Dinge gut (Effizienz=Wirtschaftlichkeit)?
    Denn, man kann Prozesse perfekt managen und trotzdem das Problem nicht lösen. Will sagen, man kann das Falsche auch exzellent machen. Ebenso kann man Probleme lösen – aber unnötig teuer.
    Gute Arbeitsmarktpolitik schafft beides: Wirkung und Wirtschaftlichkeit. Sie erzeugt messbare Wirkung (Integration in Beschäftigung) und setzt öffentliche Mittel verantwortungsvoll ein.

Der Umgang mit Problemen

Philosophische Lockerungsübungen“ vorab
Abstract

Eine Verwaltungsreform ist noch keine Sozialstaatsreform! 

Die Vorschläge der Reformkommission vom 27. Januar 2026 zur Vereinfachung des Zugangs zu Sozialleistungen sind ein wichtiger Schritt zur überfälligen zeitgemäßen digitalen Modernisierung der Verwaltung. Sie sind jedoch keine Reform des Sozialstaates im eigentlichen Sinn. Die zentralen Problem werden nicht gelöst. Denn ein erleichterter Zugang zu Leistungen verändert Verfahren – nicht die Ursachen und den Abbau von Hilfsbedürftigkeit. Die Belastung der Solidargemeinschaft bleibt hoch, die Wirksamkeit professioneller Sozialhilfe wird nicht systematisch überprüft, und die Zahl der dauerhaft Hilfsbedürftigen wird nicht nachhaltig reduziert.

Ein gerechter Sozialstaat misst sich nicht daran, wie attraktiv oder bequem Leistungen erreichbar sind, sondern daran, ob er Menschen befähigt, wieder unabhängig zu werden. Hilfe darf kein Dauerzustand sein, sondern muss als Übergang organisiert werden.

Die Kommissionsvorschläge setzen stark auf Digitalisierung, Bündelung von Leistungen und Rechtsvereinfachung. Das ist sinnvoll – greift aber zu kurz, solange der Sozialstaat primär verwaltet statt befähigt. Ohne klare Wirkungsorientierung drohen neue Fehlanreize und die Stabilisierung von Abhängigkeiten. Was fehlt, ist ein Perspektivwechsel: weg vom Versorgungsstaat, hin zu einem Ermöglichungsstaat, der auf Kompetenzen, Selbstwirksamkeit und Anschluss in der Arbeitswelt setzt.

Eine echte Sozialstaatsreform muss sich daran messen lassen, ob Hilfsbedürftigkeit dauerhaft sinkt, ob Menschen Handlungsmacht zurückgewinnen, und ob staatliche Hilfe sich im Erfolg selbst überflüssig macht. Ein Sozialstaat wird nicht gerechter, indem er größer oder attraktiver wird. Er wird gerechter, wenn er Menschen befähigt, ihn nicht mehr zu brauchen.

Zugespitzt gesagt:
Der Zugang zur Hilfe wird erleichtert – der Ausstieg aus ihr aber nicht.

Man hat offenbar Angst vor echter selbstkritischer Innovation und möchte aus politischen Gründen keinem wehtun. Aber so wird das nichts. Man hilft weder den Steuer- und Beitragszahlern, noch den Hilfebedürftigen. Was bleibt, ist eine überteuerte und methodisch fehlorientierte sowie starr eingerichtete Arbeitslosenverwaltung, die im Verbund mit einer gefangenen Arbeitsmarktwissenschaft – institutionell abhängig – auf ganzer Linie (Markt und Integration) wirkungslos bleibt. Ein nachhaltiger und eigentlich erwartbarer Anschluss von Hilfebedürftigen in den Arbeitsmarkt und damit eine wirkliche Befreiung aus staatlicher Alimentation sowie eine spürbare Entlastung des Sozialstaates ist nicht in Sicht. Die Anstrengungen der BA und der deutschen Jobcenter erzeugen keinen bemerkenswerten „Match“ zwischen Angebot und Nachfrage. Tatsächlich handelt es sich um einen „Mismatch“ zwischen methodisch strategischer Herangehensweise und hundertausenden – nach wie vor – offenen Stellen. Was beibt ist Frust – vor allem auf Seiten der Zahler, der Hilfebedürftigen sowie der Wirtschaft.

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Ein vereinfachter Zugang zu Sozialleistungen allein ist noch keine Sozialstaatsreform

Auch wenn die Kommission Vorschläge zur Verwaltungsvereinfachung und Digitalisierung vorlegt, ist ein erleichterter Zugang zu Leistungen wie Bürgergeld, Wohngeld oder Kinderzuschlag noch keine systemische Reform des Sozialstaats. Die 26 Empfehlungen der Kommission zielen zwar auf weniger Bürokratie und bessere Zugänglichkeit ab, doch sie verändern nicht die strukturellen Wirkungslogiken des Systems. Diese Vorschläge sind verwaltungs- und verfahrenstechnisch sinnvoll – sie senken Aufwand und Barrieren.

Doch sie adressieren nicht nachhaltig die Ursachen von Hilfsbedürftigkeit und geringer Arbeitsmarktintegration:

  • Ein vereinfachter Zugang zu Sozialleistungen ist Verwaltungspolitik – keine Sozialstaatsreform.
    Er verändert Verfahren, nicht Wirkungen.
  • Ein gerechter Sozialstaat misst sich nicht an Attraktivität, sondern an der Reduktion von Hilfsbedürftigkeit.
    Wer Hilfe dauerhaft stabilisiert, verfehlt sein Ziel.

  • Der moderne Sozialstaat produziert strukturell Abhängigkeit, weil er Mängel verwaltet statt Fähigkeiten aufzubauen, Stärken zu nutzen und Anschluss zu unterstützen.

  • Organisationen der Sozialhilfe folgen Selbsterhaltungslogiken – ohne klare Wirkungsorientierung reproduzieren sie Bedarf.

  • Ein zeitgemäßer Sozialstaat ist kein Versorgungsstaat, sondern ein Ermöglichungsstaat:
    Hilfe ist temporär, befähigend und anschlussorientiert.

  • Empowerment ist keine Pädagogik, sondern eine institutionelle Reformlogik:
    weniger Kontrolle, mehr Verantwortung, klare Übergänge.

  • Sozialstaatliche Gerechtigkeit entsteht nicht durch Ausweitung von Leistungen, sondern durch Stärkung von Autonomie, Kompetenz sowie Anschluss und Teilhabe.

Ein vereinfachter Zugang zu Sozialleistungen – wie ihn die Kommission mit 26 Vorschlägen anstrebt – stellt keine Reform des Sozialstaates dar. Er modernisiert Verfahren, nicht Strukturen.

Die zentralen Probleme bleiben unberührt:

  • Die Belastung der Solidargemeinschaft bleibt hoch.
  • Die Leistungsfähigkeit und Wirksamkeit professioneller Sozialhilfe werden nicht systematisch überprüft.
  • Die Zahl der dauerhaft Hilfsbedürftigen wird nicht reduziert.

Der Zugang zur Hilfe wird erleichtert, nicht aber der Ausstieg aus ihr. Das strukturelle Paradox des Sozialstaats bleibt bestehen.

Der Sozialstaat steht vor einem doppelten Paradox: Er soll schützen und befähigen, erzeugt aber strukturell Abhängigkeiten. Hilfe, die Freiheit ermöglichen soll, wird zur dauerhaften Rolle.

Dieses Paradox ist kein individuelles Versagen, sondern systemisch erklärbar:

  • Menschen neigen zur Bequemlichkeit, wenn Verantwortung abgenommen wird. (Kant). Damit soll nicht gesagt werden, dass Arbeitslose faul sind!
  • Soziale Systeme sichern ihre eigene Fortsetzung, nicht ihre Überflüssigkeit. (Luhmann)

Ein Sozialstaat, der sich primär über Verwaltung, Kontrolle und Fallbearbeitung organisiert, reproduziert Hilfsbedürftigkeit, statt sie zu überwinden.

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Verwaltung statt Befähigung

Der heutige Sozialstaat ist hochgradig administrativ:
Er prüft, kategorisiert, kontrolliert und sanktioniert. Die Folgen sind bekannt:

  • Passivierung von Leistungsbeziehenden, (Herriger)
  • institutionelle Selbsterhaltungslogiken, (Baecker)
  • Misstrauenskulturen statt Ermöglichungsräume (Thompson, Derek). 

Hilfe wird nicht als Übergang organisiert, sondern als Zustand stabilisiert.

Ein neues Leitbild wird nötig: 
„Vom Versorgungs- zum Ermöglichungsstaat“

Ein moderner und gerechter Sozialstaat muss seine Logik verschieben:

  • von Defiziten zu Potenzialen und Stärken,
  • von Kontrolle zu Verantwortung,
  • von Vermittlung zu tatsächlichem Anschluss,
  • von Verwaltung zu Wirkung,
  • von Abhängigkeit zum souveränen Leben.

Übertragen auf den Sozialstaat bedeutet dies:
Soziale Hilfe schafft Anschluss / Unabhängigkeit und nicht dauerhafte Kompensation.

Erfolgreiche Hilfe schafft Anschlussmöglichkeiten und macht sich perspektivisch überflüssig. Dieses Leitbild ist anschlussfähig an:

  • moderne staatliche Kapazitätsdebatten,
  • Empowerment-Forschung,
  • sozialethische Prinzipien wie Subsidiarität und personale Würde.

Kernelemente eines aktivierenden Sozialstaats

  • Empowerment statt Defizitlogik
    Menschen werden als handlungsfähige Subjekte adressiert, nicht als verwaltete Fälle.
  • Vertrauen als institutionelle Ressource
    Weniger Kontrolle, mehr Verantwortung und Kooperationslogik.
  • Institutionen als Ermöglichungsarchitekturen
    Fokus auf Übergänge, Kompetenzerweiterung und nachhaltige Teilhabe.
  • Geteilte Verantwortung
    Der Staat handelt mit den Menschen, nicht stellvertretend für sie.
  • Wirkungsorientierung statt Bürokratieorientierung
    Erfolg misst sich an Autonomiegewinnen, nicht an Prozesskonformität.

Schlussfolgerungen

Ein gerechter Sozialstaat:

  • versteht Hilfe als temporäre Befähigung,
  • reduziert strukturelle Abhängigkeit,
  • stärkt Selbstwirksamkeit, Verantwortung und Teilhabe.

So entsteht ein lernender, zukunftsfähiger Sozialstaat,
der sowohl institutionell leistungsfähiger als auch menschenwürdiger ist.

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FAQ

Ist diese Position unsozial oder neoliberal?

Nein. Sie richtet sich nicht gegen Hilfe, sondern gegen dauerhafte Abhängigkeit. Ein solidarischer Sozialstaat schützt – aber er darf Menschen nicht in Hilferollen festhalten. Selbstwirksamkeit, Entfaltung , Menschenstärken, Sinnhaftigkeit, Unabhängigkeit und Souveränität sind humanistische Ziele, denn jeder Mensch kann etwas, wird gebraucht und ist wichtig für die Gesellschaft.

Heißt das Kürzungen oder Leistungssenkungen?

Nein. Es geht nicht um weniger Hilfe, sondern um wirksamere Hilfe.
Der Maßstab ist nicht Sparen, sondern Anschluss und ein selbstbestimmtes und selbstwirksames Leben ohne staatliche Alimentation.

Warum reicht Verwaltungsvereinfachung nicht aus?

Weil sie nur Prozesse verbessert, nicht Ergebnisse.
Ein schneller Antrag ersetzt keine Strategie zur Reduktion von Hilfsbedürftigkeit.

Was wäre stattdessen der richtige Reformansatz?

Hilfe als Übergang, nicht als Dauerlösung
Stärkung von Kompetenzen, Selbstwirksamkeit und Anschlussfähigkeit
Wirkungsorientierung: Erfolg misst sich am Ausstieg aus Abhängigkeit

Was ist das Leitbild?

Ein Ermöglichungsstaat, der Menschen unterstützt, das eigene Leben wieder selbst zu tragen – und dessen Erfolg darin besteht, dass staatliche Hilfe weniger gebraucht wird bzw. diese stets bestrebt ist, sich bei Erfolg überflüssig zu machen.

Wissenschaft?

Wissenschaft muss durch offenes Denken Probleme analysieren und sollte möglichst auch Lösungsansätze vorschlagen. Das ist ihr Job nach dem Grundgesetz. Nach Artikel 5 GG (3) sind Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre frei. Deswegen darf sie niemals Teil einer Behörde sein (hier BA).

Was heißt „sozial“?

„Sozial“ ist ein schönes, aber schillerndes Wort. Im moralischen Sinn bedeutet es Mitgefühl und Fürsorge. Im soziologischen Sinn meint es das Geflecht von Beziehungen, Institutionen und Regeln, das Gesellschaft zusammenhält. Der Sozialstaat lebt zwischen diesen beiden Bedeutungen. Er ist moralisch legitimiert, aber systemisch begrenzt. Er soll helfen, aber auch effizient bleiben; er soll schützen, aber nicht lähmen.


Schlussworte

„Ein Sozialstaat ist dann stark, wenn er Menschen stark macht – nicht, wenn er sie dauerhaft verwaltet.“

Empowerment wird so zur Praxisform des aktivierenden Sozialstaats:

  • Motivverdacht: Hilfe endet, wenn sie nicht mehr gebraucht wird.
  • Effizienzverdacht: Verantwortung wird geteilt, nicht abgenommen.
  • Stigmatisierungsverdacht: Hilfe stärkt Identität statt Etiketten.

Empowerment macht Hilfe reflexiv: Sie lernt, sich selbst in Frage zu stellen. Ein lernender und aktivierender Sozialstaat, der Menschen stark macht, ist kein sozial kalter Staat – sondern ein solidarischer Staat mit Zukunft.

Ich hoffe sehr, dass die Ergebnisse der Reformkommission (hier – zeitgemäße Digitalisierung der Verwaltungsprozesse) nicht als Endpunkt, sondern als Auftakt für eine echte strukturelle Sozialstaatsreform verstanden werden. 

Verwendete Literatur

Empfehlungen_Sozialstaatskommission.pdf

Philosophie & Anthropologie

  • Kant, Immanuel (1784): Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht.
  • Kant, Immanuel (1785): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

Systemtheorie & Soziologie sozialer Hilfe

  • Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Baecker, Dirk (1994): Postheroisches Management. Berlin: Merve. (1994) Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Herriger, Norbert (2006): Empowerment in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag.

Sozialethik

  • Höffner, Joseph (1976): Christliche Gesellschaftslehre. Freiburg: Herder.
  • Korinther 12 –  Individuelle Gaben und Gesellschaft: Bibel

Neue politische Ökonomie & Staatlichkeit

  • Klein, Ezra / Thompson, Derek (2024): Abundance. The New Politics of American Prosperity. (dt. Der Neue Wohlstand).
  • Thompson, Derek (2022): „The Abundance Agenda“, The Atlantic.