Das Menschenbild der Arbeitsmarktpolitik
Das Menschenbild der Arbeitsmarktpolitik
Zwischen Defizit, Potenzial und Beteiligung
Abstract
Arbeitsmarktpolitik beschäftigt sich mit Arbeitslosigkeit, Qualifikation, Vermittlung und Beschäftigung. Weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, welches Menschenbild diesen Aktivitäten zugrunde liegt. Dabei bestimmen Annahmen über den Menschen maßgeblich, wie Arbeitslosigkeit erklärt, Hilfe organisiert und Integration gestaltet wird. Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass moderne Arbeitsmarktpolitik häufig von einer Defizitperspektive geprägt ist, die Menschen vor allem über Vermittlungshemmnisse, Förderbedarfe und fehlende Kompetenzen beschreibt. Dem wird eine sozialpsychologische Perspektive gegenübergestellt, die den Menschen als Träger von Fähigkeiten, Entwicklungsmöglichkeiten und gesellschaftlichen Beiträgen versteht. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Stärke von Gesellschaften nicht trotz, sondern gerade wegen der Unterschiedlichkeit ihrer Mitglieder entsteht. Die zentrale These lautet: Arbeitsmarktpolitik sollte nicht beim Defizit beginnen, sondern bei den Fähigkeiten und Beteiligungsmöglichkeiten von Menschen.
Schlüsselwörter: Menschenbild, Arbeitsmarktpolitik, Arbeitslosigkeit, Empowerment, Selbstwirksamkeit, Beteiligung, Anschluss, Sozialpsychologie
1. Einleitung
Das Menschenbild der ArbeitsmarktpolitikPolitik beruht auf Annahmen über den Menschen.
Diese Annahmen bleiben häufig unausgesprochen.
Sie prägen jedoch, wie Probleme wahrgenommen, wie Hilfe organisiert und wie Erfolg bewertet wird.
Das gilt auch für die Arbeitsmarktpolitik.
Wer Arbeitslosigkeit vor allem als Folge fehlender Fähigkeiten betrachtet, wird andere Instrumente entwickeln als jemand, der Arbeitslosigkeit als Problem fehlender Beteiligung versteht.
Wer Menschen primär als hilfebedürftig betrachtet, wird andere Formen sozialer Unterstützung organisieren als jemand, der Menschen als Träger von Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten versteht.
Die Frage nach dem Menschenbild ist deshalb keine philosophische Randbemerkung.
Sie betrifft den Kern arbeitsmarktpolitischen Handelns.
2. Das implizite Menschenbild moderner Arbeitsmarktpolitik
Moderne Arbeitsmarktpolitik versteht sich als pragmatisch und evidenzbasiert.
Gerade deshalb bleiben ihre Menschenbilder oft unsichtbar. Sie zeigen sich nicht in Leitbildern, sondern in Routinen, Diagnosen und Verfahren. Arbeitslose Menschen werden häufig beschrieben über:
- Vermittlungshemmnisse,
- Integrationsdefizite,
- Förderbedarfe,
- Qualifikationslücken,
- Unterstützungsnotwendigkeiten.
Diese Perspektive macht reale Probleme sichtbar.
Sie besitzt jedoch eine charakteristische Blickrichtung: Sie beginnt beim Fehlenden. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Defizite.
Menschen erscheinen dadurch häufig stärker als Träger von Problemen als als Träger von Möglichkeiten.
3. Die Logik des Defizits
Diese Sichtweise ist nachvollziehbar.
Wer helfen will, sucht zunächst nach Schwierigkeiten.
Wer fördern will, sucht nach Förderbedarfen.
Wer vermitteln will, sucht nach Hindernissen.
Genau darin liegt jedoch eine Gefahr. Je intensiver Defizite beobachtet werden, desto stärker prägen sie die Wahrnehmung des Menschen.
Die entscheidende Frage lautet dann: Was fehlt diesem Menschen?
Andere Fragen geraten in den Hintergrund:
- Was kann dieser Mensch?
- Wo liegen seine Stärken?
- Welchen Beitrag könnte er leisten?
- Unter welchen Bedingungen könnte er sich entwickeln?
Die Defizitperspektive beschreibt dann weniger den Menschen als vielmehr die Beobachtungsweise der Institution.
4. Der Mensch als Teil eines größeren Ganzen
Eine alternative Perspektive findet sich bereits im Ersten Korintherbrief.
Paulus beschreibt die Gemeinschaft als einen Körper mit vielen Gliedern. Jedes Glied besitzt eine andere Funktion.
Gerade die Unterschiedlichkeit macht den Körper leistungsfähig. Kein Teil ist überflüssig. Kein Teil kann für sich allein das Ganze sein. Die Stärke des Ganzen entsteht durch die Verschiedenheit seiner Teile.
Die Bedeutung eines Menschen ergibt sich nicht aus seiner Ähnlichkeit mit anderen. Sie ergibt sich aus seinem Beitrag.
Dieser Gedanke besitzt eine erstaunliche Aktualität. Denn auch moderne Gesellschaften leben von der Unterschiedlichkeit menschlicher Fähigkeiten.
Nicht alle Menschen können dasselbe. Nicht alle Menschen müssen dasselbe können.
Entscheidend ist vielmehr, ob ihre Fähigkeiten einen Platz finden.
5. Anschluss statt Ausschluss
Aus dieser Perspektive verändert sich die zentrale Unterscheidung. Sie verläuft nicht zwischen:
- wichtig und unwichtig,
- leistungsfähig und leistungsunfähig,
- wertvoll und weniger wertvoll.
Die entscheidende Unterscheidung lautet:
- beteiligt oder nicht beteiligt,
- angeschlossen oder ausgeschlossen.
Die gesellschaftliche Frage lautet daher nicht zuerst: Was fehlt diesem Menschen? Sondern: Wo und wie kann dieser Mensch seine Fähigkeiten einbringen?
Arbeitslosigkeit erscheint dadurch weniger als Ausdruck fehlender Fähigkeiten und stärker als Ausdruck fehlender gesellschaftlicher Einbindung.
6. Kant und die Ambivalenz menschlicher Freiheit
Bereits Immanuel Kant beschrieb die menschliche Neigung zur Bequemlichkeit. Gemeint war jedoch nicht Faulheit.
Kant beobachtete vielmehr die Tendenz, Verantwortung abzugeben und Unsicherheit zu vermeiden.
Für die Arbeitsmarktpolitik ergibt sich daraus eine doppelte Konsequenz.
Menschen benötigen Unterstützung. Gleichzeitig benötigen sie Gelegenheiten, Verantwortung zu übernehmen.
Hilfe darf deshalb Verantwortung nicht dauerhaft ersetzen.
Sie sollte Verantwortung ermöglichen.
7. Selbstwirksamkeit entsteht durch Beteiligung
Albert Bandura hat gezeigt, dass Menschen ihre Fähigkeiten häufig erst durch eigenes Handeln entdecken.
Selbstwirksamkeit entsteht nicht durch Beschreibung.
Sie entsteht durch Erfahrung.
Menschen entwickeln Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, wenn sie Aufgaben bewältigen, Probleme lösen und Verantwortung übernehmen.
Viele Kompetenzen entstehen nicht vor der Beteiligung.
Sie entstehen durch Beteiligung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein: Was kann dieser Mensch heute?
Sondern: Was könnte dieser Mensch entwickeln, wenn er beteiligt wird?
8. Empowerment statt Defizitverwaltung
Empowermentansätze knüpfen an genau diesem Punkt an. Sie fragen nicht zuerst: Was fehlt?
Sondern: Was ist vorhanden?
Im Mittelpunkt stehen:
- Ressourcen,
- Stärken,
- Talente / Potenziale,
- Handlungsmöglichkeiten.
Empowerment bedeutet dabei nicht, Probleme zu ignorieren. Es bedeutet, Probleme nicht zum Ausgangspunkt jeder Beobachtung zu machen.
Der Mensch erscheint dadurch nicht als Objekt professioneller Hilfe, sondern als Subjekt seiner Entwicklung.
9. Anerkennung, Resonanz und gesellschaftliche Bedeutung
Menschen benötigen mehr als materielle Absicherung.
Axel Honneth hat auf die Bedeutung von Anerkennung hingewiesen.
Hartmut Rosa beschreibt die Bedeutung von Resonanz und gelingenden Weltbeziehungen.
Menschen wollen nicht nur versorgt werden.
Sie wollen gesehen werden. Sie wollen gebraucht werden. Sie wollen einen Beitrag leisten.
Arbeit besitzt deshalb nicht nur ökonomische Bedeutung. Sie schafft Möglichkeiten von Anerkennung, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Wirksamkeit.
10. Ein alternatives Menschenbild für die Arbeitsmarktpolitik
Aus sozialpsychologischer Sicht erscheint daher ein anderes Menschenbild sinnvoll. Es beginnt nicht beim Defizit. Es beginnt bei den Stärken und Potenzialen des Menschen.
Sein Ausgangspunkt lautet: Jeder Mensch kann etwas.
Diese Aussage verweist auf die Unterschiedlichkeit menschlicher Fähigkeiten. Daraus folgt: Jeder Mensch wird gebraucht.
Denn Gesellschaften leben von den unterschiedlichen Beiträgen ihrer Mitglieder.
Und schließlich: Jeder Mensch ist wichtig.
Nicht weil alle dasselbe leisten. Sondern weil jeder Mensch Teil eines größeren Ganzen ist.
Diese drei Sätze sind keine moralischen Appelle. Sie bilden eine arbeitsmarktpolitische Arbeitshypothese.
Wer davon ausgeht, dass „alle“ Menschen Stärken und Talente besitzen, wird andere Hilfesysteme entwickeln als jemand, der vor allem Defizite sucht.
11. Konsequenzen für die Arbeitsmarktpolitik
Ein verändertes Menschenbild verändert auch die Praxis. Der Fokus verschiebt sich:
- von Defiziten zu Stärken und Talente,
- von Betreuung zu Beteiligung,
- von Kontrolle zu Vertrauen,
- von Diagnosen zu Begegnungen,
- von Förderbedarfen zu Entwicklungsmöglichkeiten,
- von Ausschluss zu Anschluss.
Die zentrale Frage lautet dann nicht mehr: Warum gelingt Integration nicht?
Sondern: Wie können Menschen ihre Stärken und Talente entdecken, entwickeln und einbringen?
Arbeitsmarktpolitik wird dadurch stärker zur Organisation gesellschaftlicher Beteiligung.
12. Fazit
Arbeitsmarktpolitik beginnt nicht mit Instrumenten. Sie beginnt mit einem Menschenbild.
Wer Menschen vor allem als Träger von Defiziten betrachtet, wird andere Hilfesysteme entwickeln als jemand, der Menschen als Träger von individuellen Stärken betrachtet.
Die Sozialpsychologie des Arbeitsmarktes schlägt deshalb einen Perspektivwechsel vor.
Nicht das Defizit steht am Anfang der Beobachtung.
Sondern die Stärke und die Talente bzw. Potenziale.
Nicht der Mangel bildet den Ausgangspunkt. Sondern der mögliche Beitrag.
Nicht die Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig ist entscheidend.
Sondern die Frage nach Beteiligung oder Ausschluss.
Die zentrale These dieses Beitrags lautet: Die Stärke einer Gesellschaft entsteht nicht trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Mitglieder.
Sie entsteht durch diese Unterschiedlichkeit. Oder in der kürzesten Form: Jeder Mensch kann etwas.Jeder Mensch wird gebraucht. Jeder Mensch ist wichtig.
Und die eigentliche Aufgabe von Arbeitsmarktpolitik besteht darin, Stärken und Potenziale mit Beteiligungsmöglichkeiten zu verbinden.



