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042023

Anschluss statt Defizit – eine politische Denkschrift für die Arbeitsmarktpolitik der nächsten zwanzig Jahre

Anschluss statt Defizit

Eine politische Denkschrift für die Arbeitsmarktpolitik der nächsten zwanzig Jahre

Vom Verwaltungsstaat zur Anschlussgesellschaft

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Henryk Cichowski
Diplom Sozialwissenschaftler

Zur Strukturierung, Diskussion, sprachlichen Überarbeitung und Entwicklung einzelner Texte wurde unterstützend moderne KI-Technologie eingesetzt. Die inhaltliche Gestaltung und Verantwortung liegen alleine beim Autor.

Vorbemerkung

Diese Denkschrift wurde unabhängig von politischen Parteien, staatlichen Institutionen, Interessenverbänden und Auftraggebern erarbeitet.

Die Denkschrift verbindet:

  • TeilhabeIntegrationSolidaritätBeteiligung

mit

  • EigenverantwortungUnternehmenSelbstwirksamkeitWirkung

und

  • ArbeitVerantwortungGemeinschaftSubsidiarität.

Sie basiert auf sozialwissenschaftlichen Überlegungen, langjährigen praktischen Erfahrungen sowie der Überzeugung, dass wirksame Arbeitsmarktpolitik beim Menschen und seinen Beteiligungsmöglichkeiten beginnen muss.

Sie versteht sich nicht als Gesetzesentwurf, sondern als Einladung, Arbeitsmarktpolitik aus einer anderen Perspektive zu betrachten und die Voraussetzungen wirksamer gesellschaftlicher Beteiligung neu zu diskutieren.

Die Bundesagentur für Arbeit entwickelt sich von einer Fallverwaltung zu einer Anschlussorganisation.

Ihre zentrale professionelle Funktion ist das Anschlussmanagement. Anschlussmanager organisieren den direkten Übergang von Menschen in Unternehmen, begleiten die erste Phase der Zusammenarbeit und ziehen sich zurück, sobald der Anschluss gelungen ist.

Executive Summary

Deutschland steht vor einem arbeitsmarktpolitischen Offenbarungseid.

Noch nie war der Bedarf an Arbeits- und Fachkräften so groß. Gleichzeitig verbleiben Hunderttausende Menschen dauerhaft außerhalb regulärer Beschäftigung, während die Ausgaben für Arbeitsförderung und soziale Sicherung kontinuierlich steigen.

Die Ursache liegt nicht primär in den Menschen und auch nicht in einem allgemeinen „Mismatch“ zwischen Angebot und Nachfrage.

Sie liegt in einer institutionellen Logik, die Defizite verwaltet, statt Anschluss zu organisieren.

Das gegenwärtige System folgt bis heute dem Paradigma:

First Train – Then Place.

Menschen werden diagnostiziert, aktiviert, qualifiziert und auf Arbeit vorbereitet.

Die Sozialpsychologie des Arbeitsmarktes schlägt die umgekehrte Reihenfolge vor:

First Place – Then Train.

Stärken, Potenziale, Talente, implizites Wissen und soziale Kompetenzen entstehen und zeigen sich häufig erst im Vollzug realer Arbeit.

Nicht das Defizit bildet den Ausgangspunkt.

Sondern der Anschluss.

Diese Denkschrift fordert deshalb keine Optimierung bestehender Instrumente.

Sie schlägt einen Paradigmenwechsel vor.

I. Der Systemfehler

Das bestehende System folgt einer Defizitlogik.

Menschen werden beschrieben über

  • Vermittlungshemmnisse,
  • Förderbedarfe,
  • Qualifikationslücken,
  • Integrationsprobleme,
  • Aktivierungsbedarf.

Die erste Frage lautet:

Was fehlt diesem Menschen?

Dadurch entstehen vier strukturelle Fehlentwicklungen.

1. Die Defizitschleife

Menschen werden über ihre Mängel definiert („multiple Vermittlungshemmnisse“).

Anstatt zu fragen, was jemand kann (Stärken), sucht das System nach Defiziten.

Je größer die Probleme beschrieben werden, desto größer werden häufig Maßnahmen, Budgets und Unterstützungsstrukturen.

2. Der Input-Fehlreiz

Erfolg wird gemessen an

  • Teilnehmerzahlen,
  • Beratungen,
  • Maßnahmen,
  • Mittelabfluss.

Nicht an nachhaltiger wirtschaftlicher Selbstständigkeit.

3. Die eingebettete Wissenschaft

Ein erheblicher Teil der arbeitsmarktpolitischen Forschung optimiert bestehende Instrumente.

Die grundlegende Frage,

ob Entwicklung möglicherweise erst durch Beteiligung entsteht,

bleibt häufig unbeantwortet.

4. Der künstliche Parallelarbeitsmarkt

Aktivierungen, Trainings, Beschäftigungsmaßnahmen, Maßnahmen bei Trägern … schaffen häufig künstliche Übergangswelten.

Sie beschäftigen Menschen mit Arbeitslosigkeit, anstatt Menschen an Arbeit anzuschließen.


II. Der Paradigmenwechsel

Die Sozialpsychologie des Arbeitsmarktes geht von einer einfachen Annahme aus:

Menschen entwickeln sich häufig nicht vor der Beteiligung.

Sie entwickeln sich durch Beteiligung.

Damit verändert sich die Reihenfolge.

Bisher: Arbeitslos > Defizitanalyse > Maßnahme > Qualifizierung > Vermittlung > erneute Arbeitslosigkeit

Neu: Arbeitslos > kurzes Kennenlernen > direkter Anschluss im Betrieb > Entwicklung on the job > betriebliche Personalentwicklung > dauerhafte Integration

III. Vier Reformprinzipien

1. Anschluss statt Defizitverwaltung

Stärken, Potenziale, Talente, Tacit Knowledge, Verantwortungsfähigkeit, soziale Kompetenz

lassen sich nicht zuverlässig diagnostizieren.

Sie werden sichtbar, wenn Menschen Verantwortung übernehmen.

Arbeitsmarktpolitik beginnt deshalb nicht mit Defiziten.

Sondern mit Anschluss.

2. Betrieb statt Maßnahme

Der Betrieb wird zum Regelfall beruflicher Entwicklung.

Externe Aktivierungsmaßnahmen, Bewerbungstrainings, Standardqualifizierungen, Beschäftigungsmaßnahmen werden grundsätzlich beendet.

Ausnahmen bestehen ausschließlich für

  • medizinische Rehabilitation,
  • unfallbedingte Berufswechsel,
  • hoch spezialisierte Umschulungen.

Die Milliarden der Maßnahmeindustrie werden in reale betriebliche Integration umgeschichtet bzw. wandern zurück in den Staatshaushalt.

3. Null-Subvention für Unternehmen

Unternehmen erhalten keine pauschalen Lohnkostenzuschüsse.

Der bestehende Arbeits- und Fachkräftemangel ist Anreiz genug.

Wer Menschen einstellt, investiert in eigene Produktivität.

Nicht in staatliche Förderprogramme.

Dadurch entfallen Mitnahmeeffekte, künstliche Parallelmärkte und subventionierte Warteschleifen.

Staatliche Unterstützung konzentriert sich auf die Moderation des Anschlusses, nicht auf die Finanzierung regulärer Arbeitsverhältnisse.

4. Transformation statt Bürokratieabbau

Die Bundesagentur für Arbeit wird nicht abgeschafft.

Sie wird neu definiert.

Ihre Aufgabe lautet künftig nicht: Verwaltung von Arbeitslosigkeit.

Sondern: Organisation gesellschaftlicher Anschlussprozesse.

IV. Die neue Anschlussorganisation

Aus Fallmanagern werden agile „Anschlussmanager„.

Ihre Aufgabe besteht nicht darin, Menschen möglichst genau zu beschreiben, sondern möglichst schnell mit Unternehmen zu verbinden.

Der Anschlussmanager

  • schafft Kontakte zu Unternehmen und Personalverantwortlichen,
  • analysiert betriebliche Abläufe,
  • identifiziert neue Verwendungsmöglichkeiten,
  • moderiert Job Crafting,
  • begleitet den Einstieg,
  • zieht sich zurück, sobald Anschluss gelungen ist.

Sein Arbeitsplatz ist nicht das Büro.

Sein Arbeitsplatz ist die regionale Wirtschaft.

V. Der agil-organische Anschluss (ein Beispiel)

  • Ein Logistikunternehmen leidet unter Fachkräftemangel.
  • Die Fachkräfte verbringen täglich mehrere Stunden mit einfachen Nebentätigkeiten.
  • Der Aschlussmanager erkennt: Nicht Fachkräfte fehlen.
  • Es fehlt eine andere Arbeitsorganisation.
  • Aus den Nebentätigkeiten entsteht ein neues Tätigkeitsprofil.
  • Herr M. seit sieben Jahren arbeitslos,
  • im bisherigen System als „unvermittelbar mit multiplen Vermittlungshemmnissen“ beschrieben,
  • beginnt ein dreitägiges Kennenlernen.
  • Es gibt keine Defizitdiagnostik, keine Maßnahme, kein Bewerbungstraining.
  • Er arbeitet einfach mit (Kennenlernpraktikum).
  • Nach drei Tagen steht fest: Die Chemie stimmt.
  • Herr M. erhält einen regulären Arbeitsvertrag.
  • Vier Monate später entdeckt das Unternehmen eine außergewöhnliche Stärke:
  • Herr M. erkennt Fehler im digitalen Lieferscheinabgleich schneller als erfahrene Kollegen.
  • Das Unternehmen investiert selbst in seine Weiterbildung.
  • Er übernimmt neue Aufgaben.
  • Die Fachkräfte werden entlastet.
  • Das Unternehmen gewinnt Produktivität.
  • Herr M. gewinnt Selbstständigkeit und Anerkennung.
  • Die Hilfe hat sich überflüssig gemacht.
  • Nicht durch Therapie.
  • Nicht durch Aktivierung.
  • Sondern durch Anschluss.


VI. Demografie als historische Chance

Die Transformation der Arbeitsmarktpolitik muss keine Existenzängste erzeugen.

Die Pensionierungswellen im öffentlichen Dienst eröffnen die Möglichkeit, Verwaltung schrittweise in Netzwerkarbeit umzuwandeln.

Niemand muss entlassen werden.

Aber viele Aufgaben können sich grundlegend verändern.

Kontrolle wird Kooperation.

Verwaltung wird Entwicklung.

Arbeitsverwaltung wird Anschlussorganisation.

VII. Zehn Leitsätze

  1. Jeder Mensch kann etwas.
  2. Jeder Mensch wird gebraucht.
  3. Jeder Mensch ist wichtig.
  4. Entwicklung entsteht häufig durch Beteiligung.
  5. Unternehmen sind die wichtigsten Entwicklungsräume moderner Gesellschaften.
  6. Passung entsteht häufig erst im zweiten Blick.
  7. Hilfe ist nur dann gut, wenn sie sich überflüssig macht.
  8. Sozialpolitik wird an Wirkung gemessen.
  9. Der Betrieb ersetzt die Maßnahme als Regelfall beruflicher Entwicklung.
  10. Der Sozialstaat der Zukunft organisiert Anschluss statt Defizitverwaltung.

Schlusswort

Diese Denkschrift fordert keine Reform einzelner Instrumente.

Sie fordert einen Perspektivwechsel.

Die entscheidende Frage lautet künftig nicht mehr:
Was fehlt diesem Menschen?

Sondern:
Wo kann dieser Mensch gebraucht werden und wie gelingt der schnellstmögliche Anschluss an reale Verantwortung, Arbeit und gesellschaftliche Beteiligung?

Die Stärke einer Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass sie Defizite möglichst professionell verwaltet.

Sie entsteht dadurch, dass sie möglichst vielen Menschen ermöglicht, ihre Stärken und Potenziale in Arbeit, Verantwortung und sozialer Teilhabe zu entfalten.

Die Sozialpsychologie des Arbeitsmarktes versteht Arbeitslosigkeit deshalb nicht primär als individuelles Defizitproblem, sondern als Frage gesellschaftlichen Anschlusses.

Anschluss statt Defizit ist kein Slogan.

Es ist der Vorschlag für eine neue Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der kommenden zwanzig Jahre.

Der Sozialstaat der Zukunft sollte nicht fragen, was Menschen fehlt. Er sollte Bedingungen schaffen, unter denen Menschen zeigen können, was in ihnen steckt, denn der Mensch ist oft besser, als Außenstehende bzw. Systeme ihn beschreiben.

Grundlagenbuch „Sozialpsychologie des Arbeitmarktes“

(mind map) Inhaltsverzeichnis