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Anschluss statt Defizit – ein zusätzlicher Weckimpuls

Anschluss statt Defizit – ein zusätzlicher Weckimpuls

Henryk Cichowski September 2026

Der Beitrag „Anschluss statt Defizit“ plädiert für einen Perspektivwechsel in der Arbeitsmarktpolitik: Nicht zuerst danach zu fragen, was einem arbeitslosen Menschen fehlt, sondern danach, welche Stärken er/sie besitzt und wo er/sie Anschluss in ein Unternehmen finden kann. Denn – Jeder Mensch kann etwas, wird gebraucht und ist wichtig!

Doch wenn dieser Gedanke so naheliegend ist, stellt sich eine zweite Frage:

Warum verändert sich so wenig?

Eine interessante Antwort bietet das von dem Zukunftsforscher Sohail Inayatullah entwickelte Futures Triangle.

Danach entsteht Zukunft im Spannungsfeld dreier Kräfte:

  • dem Weight of the Past, dem Gewicht der Vergangenheit,
  • dem Push of the Present, dem Druck der Gegenwart, und
  • dem Pull of the Future, dem Zug eines Zukunftsbildes.

    Auf die Arbeitsmarktpolitik übertragen, ergibt sich folgendes Bild:

Die Übersicht zeigt zugleich das eigentliche Problem: Der Druck zur Veränderung ist längst vorhanden. Die Frage ist, ob das Gewicht der Vergangenheit stärker bleibt als der Zug eines anderen Zukunftsbildes.

Das Gewicht der Vergangenheit

Arbeitsmarktpolitik ist über Jahrzehnte in bestimmten Denk- und Handlungsformen gewachsen: Profiling, Defizitfeststellung, die Unterscheidung zwischen „marktnah“ und „marktfern“, Matching, Maßnahmen, Zuständigkeiten und Prozesskennzahlen.

Diese Strukturen sind nicht zufällig entstanden. Sie schaffen Ordnung, Rechtssicherheit und Verlässlichkeit. Aber gerade deshalb besitzen sie Beharrungskraft.

Das System tut weiter, was es gelernt hat zu tun und erhält sich.

Der Druck der Gegenwart

Gleichzeitig verändert sich die Wirklichkeit.

Demografischer Wandel, Arbeits- und Fachkräftemangel, unbesetzte Stellen, Digitalisierung, hohe Sozialausgaben und eine weiterhin verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit erhöhen den Veränderungsdruck.

Damit entsteht eine paradoxe Situation:

Unternehmen suchen Menschen – während das Hilfesystem bei Menschen weiterhin danach sucht, was ihnen für den Arbeitsmarkt fehlt.

Der Push zur Veränderung ist längst vorhanden.

Der Zug der Zukunft

Was häufig fehlt, ist deshalb vielleicht nicht noch mehr Veränderungsdruck, sondern ein anderes Zukunftsbild.

Anschluss statt Defizit.

Die Ausgangsfrage wäre dann nicht mehr: Was fehlt diesem Menschen?

Sondern: Welche Stärken besitzt dieser Mensch – und wo kann er damit Anschluss finden?

Arbeitslosigkeit erscheint damit nicht zuerst als individuelles Defizit, sondern als fehlender Anschluss zwischen Menschen, Arbeit und Organisationen.

Vermittlung würde weniger bedeuten, Menschen möglichst passend für vorhandene Stellen zu machen.

Sie würde stärker bedeuten, Menschen und Unternehmen miteinander in Verbindung zu bringen, Übergänge zu ermöglichen und Entwicklung dort stattfinden zu lassen, wo Arbeit tatsächlich geschieht: im Betrieb.

Ein zusätzlicher Weckimpuls

Das Futures Triangle liefert keine neue Arbeitsmarktpolitik. Aber es macht sichtbar, warum ein Perspektivwechsel so schwerfällt.

  • Das Gewicht der Vergangenheit erklärt die Beharrung.
  • Der Druck der Gegenwart erzwingt Bewegung.
  • Der Zug der Zukunft gibt ihr eine Richtung.

Und genau deshalb könnte „Anschluss statt Defizit“ mehr sein als eine Kritik am bestehenden System. Es könnte ein Zukunftsbild sein.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, wie wir das bestehende Hilfesystem immer weiter perfektionieren.

Sie lautet:

Wie müssen wir Arbeitsmarktpolitik heute so gestalten, damit alle Menschen mit ihren Stärken Anschluss finden?

Vielleicht braucht Arbeitsmarktpolitik deshalb nicht zuerst eine weitere Reform.

Vielleicht braucht sie zunächst ein anderes Bild ihrer Zukunft.