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Verteidigungsfähig werden, ohne in die Eigendynamik einer Kriegswirtschaft zu geraten

Verteidigungsfähig werden, ohne in eine Kriegswirtschaft zu geraten

Über das richtige Maß an Sicherheit und die Eigendynamik der Aufrüstung

Henryk Cichowski September 2026

Abstract

Deutschland muss in seine Verteidigungsfähigkeit investieren. Doch jede Rüstungsinvestition braucht von Beginn an zwei Maßstäbe: Welchen Schutz schafft sie heute? Und lässt sie der Politik die Freiheit, bei sinkender Bedrohung wieder weniger zu rüsten? Ohne diese zweite Frage können Produktionskapazitäten, Arbeitsplätze und politische Interessen entstehen, die sich später selbst erhalten. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche ist diese Gefahr groß, wenn Rüstung zugleich als Konjunkturmotor gilt. Gute Sicherheitspolitik schützt Menschen und verhindert Krieg. Sie hält auch den Weg zu weniger Rüstung offen.

Sicherheit braucht ein Ziel – und einen Weg zurück

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt, dass die Fähigkeit zur Verteidigung keine bloß theoretische Frage ist. Ein Staat, der einen Angriff nicht abwehren kann, ist leichter erpressbar. Deutschland und seine Verbündeten müssen sich schützen können.

Aber bereits bei der Entscheidung für neue Rüstungsinvestitionen muss klar sein, welchem Schutz sie dienen und unter welchen Bedingungen sie später begrenzt werden können. Sonst investieren wir nicht nur in Verteidigungsfähigkeit. Wir schaffen zugleich wirtschaftliche und politische Strukturen, deren Fortbestand irgendwann selbst zum Ziel werden kann.

Nach Angaben des Friedensforschungsinstituts SIPRI erreichten die weltweiten Militärausgaben 2025 rund 2,89 Billionen US-Dollar. Sie stiegen damit zum elften Mal in Folge. Auch Deutschland erhöhte seine Ausgaben deutlich. Diese Zahlen beweisen nicht, dass ein Krieg zwangsläufig näher rückt: Staaten reagieren auch auf reale Angriffe und Bedrohungen. Sie zeigen aber, wie wichtig es geworden ist, den Zweck jeder weiteren Aufrüstung zu prüfen. SIPRI, Militärausgaben 2025

Das richtige Maß: Ein Bild aus der Baustatik

Ein Bauwerk muss verlässlich tragen. Niemand würde eine Brücke so knapp berechnen wollen, dass sie nur unter idealen Bedingungen hält. Sie braucht eine begründete Sicherheitsreserve.

Stellen wir uns aber einen überängstlichen Bauherrn vor, der das Fünffache an Material fordert, obwohl nach sorgfältiger Prüfung das Doppelte ausreichen würde. Das Bauwerk wäre dadurch nicht automatisch besser. Kosten, Rohstoffe und Arbeitskräfte fehlten an anderer Stelle. Entscheidend ist eine Konstruktion, die den tatsächlichen Belastungen standhält.

Die Zahlen zwei und fünf sind hier ein Gedankenbild, keine technische Regel und keine Vorgabe für Verteidigungsausgaben. In der Sicherheitspolitik sind die Belastungen sogar schwerer vorauszusagen als bei einer Brücke: Ein möglicher Gegner handelt und verändert seine Pläne. Gerade deshalb brauchen wir Reserven und Urteilskraft. Die Antwort auf Unsicherheit darf nicht einfach „so viel wie möglich“ lauten.

Welche Gefahr soll abgewehrt werden? Welche Fähigkeit fehlt dafür? Wie viel zusätzlichen Schutz bringt eine weitere Investition? Und was geschieht mit ihr, wenn sich die Gefahr verändert? Diese Fragen gehören zusammen.

Das Sicherheitsdilemma

Ein Staat rüstet auf, weil er sich bedroht fühlt. Ein anderer sieht seine neuen Fähigkeiten und fragt sich, ob sie eines Tages gegen ihn eingesetzt werden könnten. Er rüstet ebenfalls auf. Beide Seiten mögen sich als Verteidiger verstehen und sich dennoch gegenseitig unsicherer machen.

Dieses Sicherheitsdilemma spricht nicht gegen militärische Vorsorge. Es verpflichtet dazu, ihre Wirkung auf andere mitzudenken. Je weniger Staaten miteinander sprechen und je unklarer ihre Absichten sind, desto größer wird das Risiko, dass Übungen, Truppenbewegungen oder Drohungen falsch eingeschätzt werden.

Vor dem Ersten Weltkrieg verschärften Wettrüsten, Bündnisse und militärische Planungen das gegenseitige Misstrauen. Der Krieg von 1914 war deshalb nicht zwangsläufig; politische Entscheidungen und Fehleinschätzungen waren ausschlaggebend. Gerade darin liegt die Lehre: Auch unter hohem Druck bleibt es Aufgabe der Politik, Eskalation zu verhindern.

Der Kalte Krieg zeigt die andere Seite. Militärische Abschreckung trug dazu bei, einen direkten Krieg zwischen den Supermächten zu vermeiden. Zugleich schuf das nukleare Wettrüsten ein ungeheures Risiko. Sicherheit beruhte auch auf Gesprächskanälen, Vereinbarungen und Rüstungskontrolle.

Wenn Rüstung zum Konjunkturmotor wird

Heute kommt eine weitere Gefahr hinzu: In Zeiten wirtschaftlicher Schwäche erscheint die Militärwirtschaft plötzlich als Wachstumsfeld. Staatliche Aufträge sichern Fabriken, Unternehmen investieren, Beschäftigte finden Arbeit, Regionen hoffen auf neue Perspektiven. Dieselben Ausgaben sollen nun zweierlei leisten: die Verteidigung stärken und die Konjunktur beleben.

Wenn Verteidigungsgüter gebraucht werden, müssen sie hergestellt werden. Problematisch wird es, wenn der wirtschaftliche Nutzen selbst zum Grund wird, die Rüstungsproduktion dauerhaft auszuweiten.

Denn was geschieht, wenn eine Schutzlücke geschlossen ist oder eine Bedrohung abnimmt? Eine neue Fabrik soll ausgelastet bleiben. Beschäftigte wollen ihre Arbeitsplätze behalten. Eine Region möchte ihre Industrie nicht verlieren. Unternehmen suchen weitere Aufträge. Aus einer notwendigen Investition können Interessen entstehen, die über ihren ursprünglichen Zweck hinausreichen.

Dwight D. Eisenhower warnte bereits 1961 vor dem Einfluss eines „militärisch-industriellen Komplexes“. Wo Militär, Industrie und Politik eng miteinander verbunden sind, müssen ihre Entscheidungen besonders sorgfältig demokratisch kontrolliert werden.

Beschäftigte und Unternehmen deshalb unter Generalverdacht zu stellen, wäre falsch. Die Gefahr liegt in einer wirtschaftlichen Abhängigkeit: Wenn Arbeitsplätze, regionale Entwicklung und Wachstum an fortgesetzten Rüstungsaufträgen hängen, wird es politisch schwerer, deren Umfang wieder zu verringern. Fortschritte bei Entspannung und Rüstungskontrolle könnten dann auch als wirtschaftliches Problem erscheinen.

Gefährlich wird Aufrüstung dort, wo eine Gesellschaft nicht nur ihre Sicherheit, sondern zunehmend auch ihre wirtschaftliche Zukunft von ihr erwartet.

Wann wird Aufrüstung zum Selbstläufer?

Mehr Waffen führen nicht automatisch zu mehr Krieg. Gut ausgestattete Streitkräfte können einen Angreifer abschrecken. Die Kriegsgefahr kann jedoch wachsen, wenn mehrere Entwicklungen zusammenkommen: Andere Staaten fühlen sich bedroht und rüsten nach. Wirtschaftliche Interessen erschweren eine Begrenzung. Militärische Mittel erhalten in Krisen mehr Aufmerksamkeit als politische Auswege. Kriegsrhetorik lässt Verhandlungen als Schwäche erscheinen.

Keiner dieser Schritte erzwingt einen Krieg. Zusammen können sie aber die Fähigkeit einer Gesellschaft schwächen, innezuhalten. Aus der Frage „Was brauchen wir zu unserer Verteidigung?“ wird schleichend die Frage „Wie halten wir das erreichte Tempo aufrecht?“

Ein Selbstläufer beginnt dort, wo neue Rüstungsausgaben stets eine Begründung finden, die Möglichkeit ihrer Begrenzung aber kaum noch geprüft wird. Dann entscheidet nicht mehr allein der Schutzbedarf über die Mittel. Die entstandenen Strukturen verteidigen zunehmend sich selbst.

Den Weg zu weniger Rüstung von Anfang an offenhalten

Eine allgemeingültige Obergrenze in Euro oder Prozent des Bruttoinlandsprodukts gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind Bedrohungen, Bündnisverpflichtungen und vorhandene Fähigkeiten. Umso wichtiger ist es, jede große Investition an zwei Fragen zu messen: Ist sie für den Schutz erforderlich? Und wie bleibt sie politisch begrenzbar?

Daraus folgen konkrete Anforderungen. Rüstungsprogramme brauchen eine klar benannte Verteidigungsaufgabe und regelmäßige Überprüfung. Ihre Verträge und Folgekosten müssen öffentlich und parlamentarisch kontrollierbar sein. Bei neuen Produktionskapazitäten sollte früh bedacht werden, welche anderen Nutzungsmöglichkeiten bestehen, falls der militärische Bedarf später sinkt. Für Beschäftigte und Regionen darf Frieden nicht zur Bedrohung ihrer Zukunft werden.

Das ist ein Plan für den Erfolg: Was tun wir, wenn Abschreckung wirkt, Konflikte eingehegt werden oder Rüstungskontrolle gelingt? Wer diese Frage erst dann stellt, wird feststellen, wie schwer wirtschaftliche Abhängigkeiten wieder zu lösen sind.

Zur Sicherheit gehören außerdem Diplomatie, Krisenkommunikation, ziviler Bevölkerungsschutz, widerstandsfähige Infrastruktur und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Wenn diese Aufgaben hinter der Rüstungsproduktion zurückstehen, kann ein Land militärisch stärker und als Gesellschaft dennoch verletzlicher werden.

Achte auf deine Worte

Aufrüstung verändert auch die Sprache. Begriffe wie „Sicherheit“, „Verteidigung“ und „Schutz“ sind notwendig. Sie dürfen aber nicht jede Ausgabe schon durch ihren Klang rechtfertigen. Ebenso gefährlich ist eine Sprache, die Krieg als unausweichlich beschreibt. Wer sich an diese Vorstellung gewöhnt, sucht womöglich weniger entschlossen nach Wegen, ihn zu verhindern.

Denken heißt in dieser Lage, genau hinzusehen: Welche Bedrohung ist real? Welche Maßnahme hilft? Welches wirtschaftliche Interesse spricht mit? Welche Wege zur Begrenzung des Konflikts bleiben offen? Selbstständig zu denken ist unter dem Druck der Angst eine Form politischer Verantwortung.

Frieden beginnt im Kopf – und braucht politisches Handeln

Die Bergpredigt ist kein Ersatz für den Schutz vor einem Angriff. Ihre Haltung der Selbstprüfung und Barmherzigkeit erinnert jedoch daran, dass auch unter Bedrohung der andere Mensch nicht auf ein Feindbild reduziert werden darf. Frieden beginnt im Kopf, aber er darf dort nicht stehen bleiben.

Für Immanuel Kant war Frieden eine dauerhafte Aufgabe der Vernunft und des Rechts. Menschen und Staaten brauchen Regeln, Verlässlichkeit und Selbstbegrenzung, damit sie ihre Gegensätze ohne Krieg austragen können. Dazu gehören auch Institutionen und Gesprächskanäle, die unter Spannung bestehen bleiben.

Darum müssen Verteidigungsfähigkeit und Friedensarbeit von Anfang an zusammengehören. Wir müssen einen Angriff abwehren können. Zugleich müssen wir Eskalationsrisiken verringern und jede realistische Möglichkeit prüfen, Gewalt durch Recht und Verständigung zu begrenzen.

Die Stärke einer Sicherheitspolitik zeigt sich daran, ob sie Menschen schützt, Krieg verhindert und eines Tages auch wieder weniger Rüstung möglich macht. Dieser Maßstab gilt nicht erst am Ende eines Rüstungsprogramms. Er muss bereits bei seiner Planung gelten.