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„Das Paradoxon des Friedens“ – Den Aggressor verurteilen – und dennoch mit ihm verhandeln

Das Paradoxon des Friedens

Den Aggressor verurteilen – und dennoch mit ihm verhandeln

Henryk Cichowski · Oktober 2026

Abstract

Ukraine Krieg. Wie lässt sich mit einem Herrscher über Frieden sprechen, der einen Angriffskrieg verantwortet? Die moralische Verurteilung seiner Taten scheint einem Gespräch entgegenzustehen. Doch die Verantwortung für die Opfer verlangt auch, Möglichkeiten zur Beendigung weiterer Gewalt zu prüfen. Im Anschluss an den Aufsatz „Gegenseitige Sicherheit“ entwickelt dieser Beitrag eine Haltung der Gesprächsöffnung: Die Schuld des Aggressors bleibt bestehen; seine Bekehrung wird nicht zur Voraussetzung des Friedens gemacht. Eine politische Auslegung der Bergpredigt eröffnet dafür einen Gedanken: Wer sich nicht von Hass bestimmen lässt, kann mit dem Verantwortlichen nach einem Weg zur Beendigung des Unrechts suchen. Putins eigene Warnung vor einer Eskalation ohne Gewinner könnte dafür einen Ansatzpunkt bieten. Entscheidend sind überprüfbare Schritte und eine Ordnung, die Freiheit und Souveränität auch ohne Vertrauen schützt.

Die noch offene Frage

Gegenseitige Sicherheit ist die Bedingung. Souveränität ist der Weg. Frieden ist das Ziel.

Der Aufsatz „Gegenseitige Sicherheit“ beschreibt eine Ordnung, in der Russland sicher sein kann, ohne die Ukraine zu beherrschen, und die Ukraine ihre Zukunft selbst bestimmen kann. Eine solche Ordnung muss auch dann tragen, wenn wir uns über die Absichten der russischen Führung irren.

Doch wie lässt sich der Weg zu ihr eröffnen? Wie spricht man mit einem Herrscher, dessen Entscheidungen Tod und Zerstörung verursacht haben? Wie können Verhandlungen beginnen, wenn Unterwerfung die Freiheit gefährdet und weiteres Kämpfen keinen verlässlichen Ausweg erkennen lässt?

Die moralische Blockade

Lange habe ich geglaubt, mit Putin könne und solle man nicht verhandeln. An seinen Händen klebt Blut. Ein Gespräch konnte deshalb wie eine unangemessene Aufwertung erscheinen: Wird der Verantwortliche dadurch zum anerkannten Partner, während die Opfer auf Gerechtigkeit warten?

Diese Sorge ist ernst zu nehmen. Aber auch die Verweigerung eines Gesprächs muss sich daran messen lassen, welche Folgen sie für die bedrohten Menschen hat.

Die Verantwortung für begangenes Unrecht und die Verantwortung für die Verhinderung weiteren Unrechts müssen gleichzeitig wahrgenommen werden. Mit dem Schuldigen über die Beendigung seiner Gewalt zu sprechen, hebt seine Schuld nicht auf.

Ein Friedensschluss macht das Getane nicht ungeschehen. Die Frage seiner Verantwortung bleibt bestehen. Die Möglichkeit, weiteres Töten zu verhindern, darf jedoch nicht auf ein vorheriges Schuldbekenntnis oder eine bereits vollzogene Bestrafung warten müssen.

Was die Bergpredigt erschließen kann

In meinen Überlegungen habe ich auf Jesus und die Bergpredigt zurückgegriffen. Zunächst schien mir: Jesus würde sich niemals auf einen Handel mit dem Bösen einlassen.

Daran muss nichts aufgegeben werden. Die Versuchung durch das Böse zurückzuweisen und mit einem schuldigen Menschen über die Beendigung seiner Gewalt zu sprechen, sind unterschiedliche Dinge.

Was Jesus in einer heutigen Verhandlung tatsächlich getan hätte, können wir nicht wissen. Aus seiner Lehre lässt sich aber eine Haltung gewinnen: das eigene Handeln nicht von Hass oder Abneigung bestimmen zu lassen. Die Feindesliebe setzt gerade voraus, dass der andere noch Feind ist. Sie verlangt keine vorherige Bekehrung als Bedingung des eigenen Handelns.

In dieser Auslegung rückt die Frage in den Mittelpunkt: Was kann ich tun, damit Gewalt endet und Menschen geschützt werden?

Darin liegt das Paradoxon: Die Ablehnung des Bösen hindert einen nicht daran, mit dem Verantwortlichen nach einem Weg zum Guten zu suchen.

Dafür muss man ihn weder mögen noch ihm vertrauen. Man muss auch seine Taten nicht entschuldigen. Man bewahrt die Freiheit, nach den Folgen des eigenen Handelns zu fragen, statt sich vollständig von der Abneigung gegen den Gegner bestimmen zu lassen.

So verstanden ist Feindesliebe eine anspruchsvolle Form innerer Souveränität. Dazu passt das Wort außerhalb der Bergpredigt, klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben zu sein: Gefahren erkennen, das Gegenüber verstehen und dabei wahrhaftig bleiben.

Frieden ohne Bekehrung

Auf Putin übertragen bedeutet das: Eine Friedensstrategie darf nicht darauf angewiesen sein, dass er seine Schuld einsieht, seine Weltsicht aufgibt oder seine Macht verliert.

Sein persönliches Schicksal muss nicht das Ziel der Verhandlungen sein. Seine Entscheidungen und Machtmittel bleiben allerdings bedeutsam. Die Friedensordnung muss auch gegenüber einem Herrscher bestehen können, der innerlich unverändert bleibt.

Sein politisches Überleben wäre deshalb für sich genommen kein Scheitern des Friedens. Maßgeblich wäre, ob die Ukraine geschützt ist, ihre Zukunft selbst bestimmen kann und erneute Aggression wirksam begrenzt wird.

Die Menschen in der Ukraine, in Russland und in Europa dürfen mit ihrer Zukunft nicht darauf warten müssen, dass ein einzelner Machthaber sich moralisch wandelt.

Der Öffnungsmechanismus

Eine kluge Gesprächsführung müsste die Entscheidungsbedingungen des Gegenübers berücksichtigen. Ein autoritärer Herrscher könnte eher zu einem Rückzug bereit sein, wenn er ihn innenpolitisch anders darstellen kann als die Gegenseite. Ob das tatsächlich zutrifft, wäre auszuloten.

Ein öffentliches Schuldbekenntnis muss deshalb nicht die Eintrittsbedingung für ein Gespräch sein. Zunächst zählt, welche konkreten Schritte zur Gewaltbeendigung möglich sind.

Gesichtswahrung kann dabei helfen. Sie darf jedoch weder ukrainische Selbstbestimmung kosten noch zur Anerkennung imperialer Ansprüche verpflichten. Auch eine propagandistische Erfolgserzählung ist nicht folgenlos. Sie ist daran zu messen, ob sie die vereinbarte Ordnung untergräbt.

Der Spielraum liegt in der Darstellung eines Ergebnisses. Klarheit braucht es bei den Verpflichtungen, ihrer Überprüfung und den Folgen eines Bruchs.

Eine paradoxe Intervention wäre dies im übertragenen Sinne: Man unterbricht die erwartete persönliche Feindschaft und eröffnet einen Ausweg, während die Grenze gegenüber der Gewalt bestehen bleibt.

Putin beim erklärten Wort nehmen

Am 29. Oktober 2026 erklärte Putin, Russland sei auf einen Krieg mit Europa vorbereitet, wolle ihn jedoch nicht. Bei zu weit gehender Eskalation werde es keine Gewinner geben. Zugleich befürwortete er eine Wiederherstellung der Beziehungen zu europäischen Staaten.

Diese Verbindung von Drohung und Gesprächssignal belegt keinen Sinneswandel. Seine Aussage benennt jedoch eine gemeinsame Gefahr. Daran könnte eine europäische Initiative anknüpfen.

Wenn Putin selbst erklärt, dass eine weitere Eskalation keine Gewinner hervorbringen würde, lässt sich fragen: Welche konkreten Verpflichtungen ist er bereit einzugehen, um sie zu verhindern? Und welche überprüfbaren Schritte zur Beendigung des Ukrainekrieges folgen daraus?

Damit würde seine Warnung zum Ausgangspunkt einer Prüfung seiner Handlungsbereitschaft. Man müsste ihm keinen guten Willen unterstellen. Man würde ihn beim erklärten Wort nehmen.

Die Verhinderung eines größeren Krieges darf dabei nicht durch ukrainische Unterwerfung erkauft werden. Der Maßstab bleibt: Meine Sicherheit darf nicht deine Unfreiheit verlangen.

Europas Verantwortung

Das Telefonat des finnischen Präsidenten Alexander Stubb und des norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre mit Putin am 27. Oktober kann als Versuch einer solchen Gesprächsöffnung verstanden werden. Die Ukraine wurde konsultiert; beide bekräftigten ihre Unterstützung für sie.

Ob daraus ein tragfähiger Prozess entsteht, ist offen. Politische Weisheit würde sich darin zeigen, den Gesprächskanal mit europäischer Abstimmung, ukrainischer Mitentscheidung und glaubwürdiger Schutzfähigkeit zu verbinden.

Begrenzte Vereinbarungen könnten zunächst zeigen, ob Gesprächen verlässliches Handeln folgt. Vertrauen könnte daraus entstehen. Die Sicherheit der Menschen darf bis dahin nicht davon abhängen.

Die Haltung, die eine Tür öffnen kann

Mit einem Aggressor zu sprechen verlangt die Bereitschaft, seine Entscheidungsmöglichkeiten für ein Ende der Gewalt anzusprechen. Seine Verantwortung bleibt bestehen.

Die moralische Verurteilung des Aggressors darf uns nicht die politische Handlungsfähigkeit nehmen, seine Gewalt zu beenden.

Das Paradoxon des Friedens besteht darin, das Unrecht entschieden abzulehnen und zugleich mit seinem Verantwortlichen nach einem Ausweg zu suchen. Die Freiheit vom Hass kann dafür einen Handlungsspielraum öffnen, den persönliche Feindschaft verschließt.

Gegenseitige Sicherheit ist die Bedingung. Souveränität ist der Weg. Frieden ist das Ziel.

Und eine tragfähige Friedensordnung muss auch ohne die Bekehrung des Aggressors Bestand haben können.

Quellen und Einordnung

● Henryk Cichowski: „Gegenseitige Sicherheit“, August 2026.

● Reuters, 29. Oktober 2026: „Putin says Moscow seeks better European ties, conflict will produce no winners“. Die Äußerungen sind sinngemäß wiedergegeben.

● Amt des finnischen Präsidenten, 27. Oktober 2026: Mitteilung zum Telefonat mit Putin.

● Matthäus 5,44–45: Feindesliebe.

● Matthäus 10,16: Klugheit und Arglosigkeit; diese Stelle gehört nicht zur Bergpredigt.

Die Übertragung der biblischen Aussagen auf politische Gesprächsführung und die Bezeichnung als paradoxe Intervention sind eigene Auslegungen.