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Umfragewerte im Keller – und jetzt? Was Kanzler, Bürger und Medien tun können, damit Politik den Kern trifft

Umfragewerte im Keller – und jetzt?

Was Kanzler, Bürger und Medien tun können, damit Politik den Kern trifft

Henryk Cichowski · Oktober 2026

Abstract

Die schlechten Zufriedenheitswerte von Bundeskanzler Friedrich Merz werfen eine Frage auf: Wie viel sagt Beliebtheit über politischen Erfolg aus? In Umfragen spiegeln sich Entscheidungen und Auftreten eines Kanzlers, aber auch gesellschaftliches Unbehagen und Zukunftsangst. Ein niedriger Wert ist deshalb ernst zu nehmen, ohne ihn bereits zum Urteil über die Wirkung einer Kanzlerschaft zu machen.

Gute Politik erkennt die Kernprobleme einer Gesellschaft, findet wirksame und verantwortbare Lösungen und erreicht damit den gesellschaftlichen Kern. Ob ihr das gelingt, zeigt sich nicht allein an Absichten, Beschlüssen oder momentaner Zustimmung, sondern an den Folgen ihres Handelns – für die Menschen heute und für die Gesellschaft von morgen.

Daraus folgt ein dreifacher Rat: Ein Kanzler sollte mit Leidenschaft und Augenmaß handeln, die Zusammenhänge zwischen den Problemen erkennen, ein Zukunftsbild aufzeigen und die Wirkung seiner Entscheidungen prüfen. Bürger sollten über Sympathie und Abneigung hinaus urteilen. Medien sollten ihre Beliebtheitsrankings hinterfragen: Politiker tragen unterschiedliche Verantwortung, und Kanzler regieren unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen. So lässt sich der Blick enthärten, ohne die Kritik zu entschärfen – und die Frage in den Mittelpunkt rücken, was unserer Gesellschaft tatsächlich weiterhilft.

Ein Kanzler im Umfragetief

Nur zehn Prozent der Befragten sind im aktuellen ARD-DeutschlandTrend mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz zufrieden. Auch die Bundesregierung erreicht lediglich zehn Prozent. Das sind ernste politische Signale. (tagesschau.de⁠)

Schlechte Umfragewerte liefern zugleich eine Geschichte, die sich leicht erzählen lässt: der Kanzler unter Druck, seine Partei in Sorge, die Frage nach seiner Zukunft im Amt. Über all das müssen Medien berichten können. Doch die Konzentration auf die Beliebtheit einer Person kann eine andere Frage verdecken: Was geschieht mit den Problemen, für deren Bearbeitung ein Kanzler gewählt wurde?

Aus niedrigen Zufriedenheitswerten lässt sich nicht ablesen, ob Friedrich Merz persönlich verunsichert ist. Ebenso wenig beweist sein Festhalten an einem Kurs schon Führungsstärke. Die Werte zeigen zunächst, dass sehr viele Menschen seine bisherige Arbeit kritisch beurteilen. Diese Rückmeldung muss er ernst nehmen. Sie ist aber noch kein abschließendes Urteil über die Wirkung seiner Kanzlerschaft.

Wenn sich gesellschaftliches Unbehagen auf eine Person richtet

Wie zufrieden Menschen mit einem Kanzler sind, hängt nicht allein von seiner Person und seinen Entscheidungen ab. In einem solchen Urteil kann sich auch verdichten, wie sie ihre Gegenwart erleben und was sie von der Zukunft erwarten. Wer um den eigenen Lebensstandard, die Sicherheit oder den gesellschaftlichen Zusammenhalt fürchtet, richtet die Hoffnung auf Veränderung besonders stark an die politische Spitze: Der Kanzler soll das bitte ändern – und möglichst schnell.

Das ist verständlich, aber es kann die Verantwortung einer einzelnen Person größer erscheinen lassen als ihre tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten. Zugleich darf sich ein Kanzler hinter schwierigen Umständen nicht verstecken. Gerade unter Druck muss er zeigen, welche Probleme seine Regierung beeinflussen kann, wo sie auf andere angewiesen ist und welche Verbesserungen realistisch sind.

Auch der Vergleich von Beliebtheitswerten braucht deshalb Augenmaß. Ein Kanzler in einer Zeit wachsender Zukunftsangst steht vor anderen Erwartungen als einer in einer ruhigeren Phase. Wer Zahlen aus unterschiedlichen Zeiten oder Ämtern nebeneinanderstellt, sollte die jeweilige gesellschaftliche Lage mitlesen. Umfragewerte zeigen, wie politische Arbeit in ihrer Zeit wahrgenommen wird. Ob sie erfolgreich war, verlangt zusätzlich den Blick auf Aufgaben, Handlungsmöglichkeiten und Wirkungen.

Was Beliebtheit aussagt – und was nicht

Ein Mensch kann beliebt sein, weil er zuhört, verlässlich handelt und Vertrauen schafft. Er kann Zustimmung aber auch gewinnen, indem er Erwartungen bedient, Konflikte zuspitzt oder unangenehme Entscheidungen vermeidet. Umgekehrt kann jemand Widerstand auslösen, obwohl er ein wichtiges Problem bearbeitet.

Deshalb müssen wir unterscheiden: Geht es um persönliche Sympathie, um Vertrauen in politische Fähigkeiten, um Zustimmung zu einer bestimmten Entscheidung oder um die Zufriedenheit mit der bisherigen Arbeit? Diese Urteile hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe. Die aktuelle Umfrage erfasst die Zufriedenheit mit der Arbeit des Kanzlers. Sie misst nicht unmittelbar, ob die Befragten ihn als Menschen mögen.

Für einen Kanzler ist Beliebtheit wichtig. Sie kann Vertrauen schaffen und das Regieren erleichtern. Sie darf jedoch nicht zum alleinigen Maßstab seines Handelns werden. Wer jede Entscheidung danach ausrichtet, wie sie morgen in einer Umfrage ankommt, könnte gerade die Aufgaben liegen lassen, die Ausdauer verlangen.

Den gesellschaftlichen Kern treffen

In meinem Beitrag „Den Kern treffen“ habe ich politische Mitte als einen beweglichen gesellschaftlichen Kern beschrieben: als den Bereich, in dem Lebenswirklichkeit, Wahrnehmungen und gemeinsame Herausforderungen auf politische Lösungsangebote treffen.

Politik muss diesen Kern dreifach treffen: den Kern des Problems erkennen, den Kern einer wirksamen Lösung finden und damit den gesellschaftlichen Kern erreichen. Bei Themen wie Wirtschaft, Arbeit, Rente, Pflege, Migration und Sicherheit genügt es nicht, jedes Ressort für sich zu betrachten. Die Fragen hängen zusammen. Hinter ihnen stehen gemeinsame Sorgen: Bleibt unsere Zukunft sicher? Ist der Staat handlungsfähig? Geht es beim gesellschaftlichen Geben und Nehmen gerecht zu? Können wir Wandel gestalten und dabei eine gemeinsame Wirklichkeit bewahren?

Ein Kanzler trifft den gesellschaftlichen Kern nicht dadurch, dass er allen nach dem Mund redet. Er trifft ihn, wenn Menschen ihre Lebenswirklichkeit in der Beschreibung der Probleme wiedererkennen und erfahren können, dass Lösungen etwas verbessern. Dazu muss er auch diejenigen ernst nehmen, die seine Sicht nicht teilen.

Wirkung braucht Zeit – und Prüfung

Hier kommt die Wirkung ins Spiel. Ein Gesetzesbeschluss ist noch kein Erfolg. Eine gut begründete Absicht ebenfalls nicht. Entscheidend ist, was aus einer Entscheidung wird: Wen entlastet sie? Wen belastet sie? Löst sie das Problem, verschiebt sie es oder schafft sie neue Schwierigkeiten?

Ob Zwecke und Mittel in einem angemessenen Verhältnis standen, lässt sich nicht durch die Rechtfertigungen der Handelnden allein feststellen. Erst im geschichtlichen Verlauf wird sichtbar, was ihr Handeln bewirkt hat.

Das entbindet einen Kanzler nicht von der Verantwortung in der Gegenwart. Er muss schon heute erklären, welches Ziel er verfolgt, weshalb er seine Mittel für angemessen hält und woran sich Fortschritt erkennen lassen soll. Er muss Folgen beobachten und einen Weg korrigieren können, wenn er das Ziel verfehlt. Die Zukunft lässt sich nicht abwarten, ohne in der Gegenwart Rechenschaft abzulegen.

Politischer Erfolg ist deshalb mehr als ein guter Wert am Ende einer Amtszeit. Er zeigt sich daran, ob ein Kanzler unter den Bedingungen seiner Zeit zu tragfähigen Verbesserungen beigetragen hat – und ob die dafür gewählten Mittel verantwortbar waren.

Leidenschaft und Augenmaß

Was zeichnet unter diesen Bedingungen einen guten Politiker aus? In meinem früheren Beitrag dazu habe ich, an Max Weber anknüpfend, Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß hervorgehoben. Gute Politiker arbeiten beharrlich an schwierigen Aufgaben. Sie lassen sich von ausbleibendem Beifall nicht sofort entmutigen. Zugleich halten sie nicht aus Eitelkeit an jedem eigenen Vorschlag fest.

Ein Kanzler muss seine Zeit verstehen, ohne sich jeder Stimmung seiner Zeit auszuliefern. Er sollte aus der Vergangenheit lernen, in der Gegenwart entscheiden und mögliche Folgen für die Zukunft mitdenken. Gerade bei schlechten Umfragewerten verlangt das beides: Standhaftigkeit und die Bereitschaft, berechtigte Kritik aufzunehmen.

Für Merz könnte darin die Chance des „gerade jetzt“ liegen. Das Umfragetief muss ihn nicht lähmen. Es verleiht ihm aber auch kein Recht, jede Kritik als Bestätigung der eigenen Entschlossenheit zu betrachten. Ob er erfolgreich handelt, entscheidet sich daran, ob seine Regierung Kernprobleme wirksam bearbeitet, verantwortbare Mittel wählt und die Menschen bei schwierigen Veränderungen mitnimmt.

Wenn Beliebtheit zur Rangliste wird

Medien vergleichen Politikerinnen und Politiker häufig anhand ihrer Zufriedenheitswerte. Das macht Unterschiede auf einen Blick sichtbar. Problematisch wird es, wenn aus einer solchen Rangfolge stillschweigend eine Rangfolge politischer Qualität wird.

Der erste Vergleich betrifft Politiker im selben Zeitgeschehen. Sie erleben dieselben großen Krisen, werden aber nicht für dasselbe verantwortlich gemacht. Ein Kanzler steht für die gesamte Regierungslage. Ein Minister kann stärker nach einem einzelnen Aufgabenfeld beurteilt werden. Ein Oppositionspolitiker muss keine Regierungsentscheidungen verantworten. Ihre Umfragewerte stehen nebeneinander; ihre Aufgaben und Handlungsmöglichkeiten sind verschieden.

Der zweite Vergleich betrifft Kanzler verschiedener Zeiten. Wirtschaftliche Lage, internationale Krisen, gesellschaftliche Stimmung und Zukunftserwartungen verändern sich. Auch die Möglichkeiten, auf Probleme zu reagieren, unterscheiden sich. Wer Zufriedenheitswerte aus verschiedenen Jahren vergleicht, sollte deshalb die gesellschaftliche Lage der jeweiligen Zeit mitlesen. Die Feststellung, dass ein Kanzler in einer Umfrage schlechter abschneidet als ein früherer, beschreibt zunächst die gemessene Zufriedenheit. Sie beweist nicht, dass er unter den Bedingungen seiner Zeit schlechtere Politik macht.

Rankings können informieren. Sie können den Blick aber auch verhärten, wenn eine Momentaufnahme zum Urteil über eine Person oder gar über den Erfolg ihrer Arbeit wird. Auch die Maßstäbe, mit denen Politiker öffentlich verglichen werden, müssen sich an der Wirklichkeit prüfen lassen.

Rat an den Kanzler, die Bürger/innen und die Medien

An den Bundeskanzler: Richten Sie Ihre Kraft nicht zuerst darauf, wieder beliebt zu werden. Fragen Sie, welche gesellschaftlichen Kernprobleme hinter den vielen einzelnen Streitfragen liegen und wie Wirtschaft, Arbeit, soziale Sicherheit, Migration, Bildung und Sicherheit zusammenwirken. Entscheiden Sie das Einzelne, aber denken Sie das Ganze mit.

Zeigen Sie ein Zukunftsbild auf: Wie soll unser Land unter veränderten Bedingungen leben, arbeiten und zusammenhalten können? Was wollen Sie bewahren, was muss sich ändern, und welchen Beitrag erwarten Sie von Staat, Wirtschaft und Bürgern? Ein solches Bild gibt Ihrer politischen Mission Richtung. Es hilft den Menschen zu verstehen, weshalb Sie ihnen heute Veränderungen zumuten und woran Fortschritt morgen zu erkennen ist.

Hören Sie Menschen mit unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten zu. Erklären Sie Ihre Ziele und Mittel, prüfen Sie die tatsächlichen Folgen und korrigieren Sie den Weg, wenn er das Ziel verfehlt. Bleiben Sie der Aufgabe treu – mit Leidenschaft für das Ziel, Augenmaß für die Wirklichkeit und einem erkennbaren Bild der Zukunft.

An die Bürgerinnen und Bürger: Nehmen Sie Ihre Sympathie oder Abneigung wahr, aber lassen Sie sie nicht Ihr Urteil abschließen. Fragen Sie, welches Problem eine Entscheidung trifft, wen sie belastet und was sie tatsächlich verbessert. Berücksichtigen Sie auch, was ein Kanzler beeinflussen kann und was über seine Macht hinausgeht. Eine gute Entscheidung verdient Anerkennung, selbst wenn Ihnen der Handelnde nicht sympathisch ist; eine schlechte verdient Kritik, auch wenn er es ist.

An die Medien: Veröffentlichen Sie Umfragewerte – aber hinterfragen Sie die Rankings, die Sie daraus machen. Wenn Sie einen Kanzler mit anderen Politikerinnen und Politikern seiner Zeit vergleichen, fragen Sie nach ihren unterschiedlichen Aufgaben und Verantwortungen. Wenn Sie ihn mit früheren Kanzlern vergleichen, beziehen Sie die jeweilige gesellschaftliche Lage ein. Machen Sie sichtbar, wer unter welchen Bedingungen wofür beurteilt wird. Verfolgen Sie politische Wirkung ebenso aufmerksam wie politische Beliebtheit.

So wird der Blick enthärtet, ohne die Kritik zu entschärfen. Der Kanzler muss für sein Handeln einstehen. Bürger müssen sich ein eigenes Urteil bilden können. Medien können ihnen dabei helfen, indem sie Zahlen einordnen und die gesellschaftlichen Probleme hinter den Personalgeschichten sichtbar machen.

Beliebtheit ist ein Urteil der Gegenwart. Ob Politik den Kern getroffen hat, zeigt ihre Wirkung in der Zeit.